3 Situationen in denen eine Psychotherapie besser geeignet ist als Nervensystem Coaching
- Nina Payer

- 14. Juni 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Apr.
Es gibt Erstgespräche, nach denen ich sage: Ich bin gerade nicht die Richtige für dich.
Das ist keine Absage an die Person. Es ist Ehrlichkeit darüber, was in welcher Situation wirklich hilft. Nervensystem-Coaching ist ein kraftvoller Ansatz, aber er braucht eine bestimmte Grundlage. Und wenn diese Grundlage fehlt, kann ich nicht nur nicht helfen, sondern im schlimmsten Fall sogar schaden.
Deshalb möchte ich transparent sein: Hier sind vier Situationen, in denen ich dir empfehle, zuerst eine Psychotherapie zu machen.

Werfen wir hier doch erst nochmal einen Blick auf die verschiedenen Definitionen von Psychotherapie und Coaching:
Was ist Coaching und wie unterscheidet es sich von Psychotherapie?
Coaching ist ein Prozess, bei dem ein Coach Klienten unterstützt, ihre persönlichen und beruflichen Ziele zu erreichen, indem er sie anleitet, motiviert und inspiriert. Ein Coaching konzentriert sich auf die Gegenwart und Zukunft, nicht auf die Vergangenheit. Coaching kann lösungs-, ziel- und prozessorientiert sein und verwendet spezifische Techniken, um den Klienten zu helfen, eigenen Lösungen zu finden und ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Psychotherapie hingegen ist eine tiefgehende Form der Behandlung, die darauf abzielt, psychische Erkrankungen und emotionale Probleme zu behandeln. Sie bezieht sich oft auf die Vergangenheit des Klienten, um aktuelle Probleme zu verstehen und zu lösen. Psychotherapie erfordert in der Regel eine Lizenz und umfangreiche Ausbildung in psychologischen Methoden und Theorien.
In welchen Fällen ist es also besser, sich in die Hände eines erfahrenen Psychotherapeuten zu begeben?
Es gibt verschiedene Situationen, in denen ich körperorientiertes Nervensystem-Coaching nicht anbiete und meine Klienten erst einmal an einen Psychotherapeuten ggf. sogar an eine Klinik (je nach Ausprägung der Symptome) verweise:
1. Bei psychischen Erkrankungen und unverarbeiteten Traumata
Oft bestehen so starke Symptome, dass man bereits von einer psychischen Erkrankungen, wie Angststörungen, Depressionen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ausgehen kann. In diesem Fall bin ich als Coach der falsche Ansprechpartner - ich darf und will auch gar nicht mit erkrankten Menschen arbeiten, weil ich dafür nicht ausgebildet bin.
Das Gleiche gilt, wenn unverarbeitete Traumata vorliegen. Leiden die Klienten vielleicht sogar unter starker Dissoziation oder Flashbacks, ist die Arbeit mit dem Nervensystem ohne fundierte traumatherapeutische Ausbildung ein absolutes No-Go - kann sogar kontraproduktiv sein! Diese Zustände erfordern eine tiefgehende, fachkundige und strukturierte therapeutische Intervention.
2. Bei starken (körperlichen) Beschwerden durch ein dysreguliertes Nervensystem, die schnell verschwinden sollen
Viele Menschen leiden extrem unter starken körperliche Beschwerden, die durch ein dysreguliertes Nervensystem verursacht werden, wie zum Beispiel chronische Schmerzen, Verdauungsbeschwerden, Herzrhythmusstörungen (Extrasystole), Schlafstörungen, Erschöpfungszustände oder psychosomatische Symptomen. Diese können sehr belastend sein und den Alltag stark beeinträchtigen. Da ist es verständlich, alle Hoffnung in eine körperorientiertes Coaching zu setzen, wenn der Wunsch besteht, diese Beschwerden so schnell wie möglich zu lindern bzw. loszuwerden. Menschen, die dermaßen stark unter ihren Symptomen leiden, haben allerdings leider meist nicht die Geduld, sich auf ein prozessoriertiertes Nervensystem-Coaching wirklich einzulassen, welches eben keine schnellen Lösungen bietet.
Hier können schnelle und gezielte Interventionen wie die psychotherapeutische Kurzzeittherapie oder spezielle Methoden wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oft schneller eine erste Linderung verschaffen.
Auch Techniken wie achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) oder Biofeedback können genutzt werden, um das Nervensystem zu beruhigen und körperliche Beschwerden zu lindern.
Ist dadurch wieder mehr Kapazität vorhanden, bietet sich anschließend ein therapie-begleitendes oder nachfolgendes Nervensystem-Coaching an.
3.Bei unerkannter oder unbegleiteter Neurodivergenz mit starker Symptombelastung
Ein Bereich, der in meiner Arbeit eine zunehmend wichtige Rolle spielt: Neurodivergenz. Viele Frauen kommen zu mir mit dem Gefühl, einfach nicht zu funktionieren und stellen im Prozess fest, dass dahinter eine undiagnostizierte ADHS oder autistische Züge stecken.
Wenn du stark unter deiner Neurodivergenz leidest, noch keine Diagnose hast und dich in einer Phase extremen Leidensdrucks befindest, dann empfehle ich dir zuerst eine Diagnostik und gegebenenfalls psychiatrische oder psychotherapeutische Begleitung. Manchmal ist eine medikamentöse Stabilisierung der notwendige erste Schritt, bevor tiefere Prozessarbeit überhaupt möglich ist.
Nervensystemarbeit ist für neurodivergente Menschen sehr wertvoll, aber sie braucht eine gewisse Grundstabilität. Wenn diese noch nicht da ist, können wir mit meiner Beratung bei Neurodivergenz schauen, was dein nächster sinnvoller Schritt ist — ohne dass du gleich in einen tiefen Prozess einsteigen musst.
4. Bei fehlender Bereitschaft oder Kapazität, etwas im Leben zu verändern
Es gibt Zeiten, in denen Menschen nicht bereit oder in der Lage sind, tiefgreifende Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe und alle sind berechtigt. In solchen Fällen kann die Psychotherapie einen sanften, unterstützenden Ansatz bieten, ohne sofortige Veränderungen zu fordern.
Wenn du dich für ein Nervensystem-Coaching entscheidest, solltest du dir bewusst sein, dass du dein Nervensystem langfristig nicht nur mit Entspannungs- und Regulationsübungen regulieren lernst, sondern sich früher oder später in deinem Leben auch etwas ändern muss, um dein Leben mehr nach deinen persönlichen Bedürfnissen und Grenzen auszurichten. Diese Veränderungen bringen dir auf lange Sicht nachhaltige Nervensystemregulation.
Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles umzuwerfen, den Job zu kündigen, den Partner zu verlassen und in eine andere Stadt zu ziehen. Nervensystemarbeit funktioniert nur langsam und in kleinen Schritten. Du solltest aber bereit sein, dich auf deinen Prozess einzulassen, mit Neugierde, Geduld und Achtsamkeit. 🤍
Ich bin ein großer Fan von körperorientierten Methoden und es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Therapeuten diesen Ansatz auch in ihre Arbeit miteinfließen lassen würden. Liegen oben genannte Situationen vor und/oder hast du das Gefühl, deine Symptome einfach nicht mehr aushalten zu können, ist es nach wie vor das Beste, sich vertrauensvoll an einen Psychotherpeuten, eine psychotherapeutische Ambulanz oder psychiatrische Klinik zu wenden (Hier findest du Hilfe!).
Nervensystem-Coaching und Psychotherapie schließen sich nicht aus — sie ergänzen sich. Viele meiner Klientinnen haben Therapieerfahrung und kommen zu mir, weil sie den nächsten Schritt gehen wollen: nicht mehr analysieren, sondern verankern.
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