ADHS und Selbstwert — Warum dein Selbstwert nichts mit deiner Leistung zu tun hat
Du hast nicht zu wenig Selbstwert, weil du zu wenig geleistet hast. Sondern weil du jahrelang Feedback bekommen hast, das gar nicht zu dir gepasst hat.

Das Gefühl, innerlich nie ganz genug zu sein
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Von außen betrachtet läuft es eigentlich, du bekommst Dinge hin, andere halten dich vielleicht sogar für kompetent oder stark. Und trotzdem ist da innen dieser wacklige Boden, dieses leise Grundgefühl, nicht wirklich zu genügen. Als müsstest du dich ständig beweisen, nur um dazuzugehören. Als wäre der nächste Moment, in dem alle merken, dass mit dir etwas nicht stimmt, immer nur eine Kleinigkeit entfernt.
Dieser brüchige Selbstwert ist bei Frauen mit ADHS unglaublich verbreitet. Und das Entscheidende ist: Er kommt nicht daher, dass du wirklich weniger wert oder weniger fähig wärst. Er ist das Ergebnis von etwas, das über viele Jahre passiert ist, oft lange, bevor überhaupt jemand das Wort ADHS in den Mund genommen hat.
Jahre voller Rückmeldungen, die nicht gepasst haben
Stell dir vor, du wächst mit einem Gehirn auf, das anders funktioniert, das anders mit Aufmerksamkeit, Antrieb und Reizen umgeht. Aber niemand weiß das, du selbst am allerwenigsten. Alle um dich herum gehen selbstverständlich davon aus, dass dein Gehirn wie das der anderen tickt.
Und so bekommst du über Jahre Rückmeldungen, die für ein anderes Gehirn gedacht sind:
Du bist zu verträumt. Warum strengst du dich nicht mehr an. Bei deinem Potenzial müsste doch mehr gehen. Du bist zu empfindlich, zu chaotisch, zu viel, zu langsam. Reiß dich zusammen. Konzentrier dich einfach. Andere schaffen das doch auch.
Diese Sätze bekommst du nicht einmal zu hören, sondern hundertfach, über Jahre und aus allen Richtungen. Und als Kind hast du gar keine Möglichkeit, sie einzuordnen. Du kannst nicht ahnen, dass diese Sätze für ein Gehirn gedacht sind, das anders funktioniert als deins. Also ziehst du den einzigen Schluss, der einem Kind logisch erscheint: Es liegt an mir. Ich bin das Problem. Ich muss mich mehr anstrengen, mehr zusammenreißen, besser werden.
Und so entsteht ein Selbstwert nicht aus dem, was du eigentlich bist, sondern aus dem ständigen Gefühl, hinter etwas zurückzubleiben, das für dich nie erreichbar war.
Warum es gerade Mädchen und Frauen so hart trifft
Bei Mädchen kommt noch etwas dazu, das den Effekt verstärkt. Weil ihr ADHS seltener durch offensichtliche Hyperaktivität auffällt, sondern eher nach innen gerichtet ist, wird es fast nie erkannt. Sie gelten nicht als das Kind mit ADHS, sondern einfach als das verträumte, das schusselige, das hypersensible oder das komplizierte Mädchen.
Dazu lernen Mädchen früh, sich anzupassen, zu funktionieren, nett und angenehm zu sein. Also entwickeln viele enorme Kompensationsstrategien. Sie strengen sich doppelt an, kontrollieren alles, überdecken ihre Schwierigkeiten, bis nach außen kaum noch etwas davon sichtbar ist. Und genau das wird ihnen zum Verhängnis. Denn je besser sie funktionieren, desto weniger sieht irgendjemand, wie viel Kraft sie das kostet. Die Leistung ist da, also kann ja alles nicht so schlimm sein, denken die anderen. Und die Frau selbst denkt: Wenn ich mich schon so anstrengen muss für das, was anderen leichtfällt, dann stimmt wohl wirklich etwas nicht mit mir.
So entsteht ein Selbstzweifel, der sich gut versteckt. Weil du nach außen funktionierst, sieht niemand, wie brüchig es sich innen anfühlt.
Der Moment, in dem es klick macht
Für viele Frauen kommt irgendwann der Moment, in dem sie verstehen, dass sie ADHS haben, oder auch nur ahnen, dass ihr Gehirn anders funktioniert. Und dieser Moment verändert oft alles, besonders beim Selbstwert.
Denn plötzlich ergibt ganz Vieles Sinn. Die ganze Anstrengung, die Erschöpfung, das ewige Gefühl, hinterherzuhinken, all das war nie ein Zeichen dafür, dass du nicht genug bist. Es war ein Zeichen dafür, dass du die ganze Zeit mit einem anderen Betriebssystem unterwegs warst und dich trotzdem an Maßstäben gemessen hast, die dafür gar nicht gemacht waren.
Das ist eine große Erleichterung. Und gleichzeitig tut es aber auch weh. Weil oft auch Trauer und Wut kommen, um all die Jahre, in denen du dachtest, du seist das Problem. Um die Energie, die du ins Kleinmachen gesteckt hast. Um das Kind, das nie gehört hat, dass mit ihm alles in Ordnung ist. Auch dieser Schmerz darf da sein, er gehört mit dazu. 🤍
Wie sich Selbstwert wirklich verändert
Und jetzt kommt der Teil, der mir am wichtigsten ist. Zu verstehen, woher der brüchige Selbstwert kommt, ist ein enorm wichtiger erster Schritt. Aber Verstehen allein baut noch keinen neuen Selbstwert auf. Denn Selbstwert sitzt nicht nur im Kopf, er sitzt tiefer, im Nervensystem.
Ein jahrzehntelang antrainiertes Gefühl von „ich bin nicht genug" verschwindet nicht dadurch, dass du jetzt weißt, dass es unfair war. Dein System hat diesen Zustand als normal abgespeichert, als vertraut, als sicher. Und genau deshalb braucht Veränderung mehr als Einsicht. Sie braucht neue Erfahrungen, wieder und wieder. Erfahrungen davon, dass du okay bist, ohne etwas leisten zu müssen. Dass du nicht funktionieren musst, um dazuzugehören. Dass dein System sich sicher fühlen darf, auch wenn du gerade nichts beweist.
Das passiert nicht über Nacht und nicht über positive Glaubenssätze allein. Es passiert langsam, über den Körper, über echte, wiederholte Momente von Sicherheit, in denen dein Nervensystem nach und nach etwas Neues lernt. Dass du nicht mehr wert bist, wenn du mehr leistest. Und nicht weniger wert, wenn du einfach nur bist.
Vielleicht ist das die eigentliche Nachricht dieses Artikels. Du musst dir deinen Wert nicht verdienen. Du hast ihn nie verloren. Du hast nur sehr lange gehört, dass du ihn dir verdienen müsstest. Und das darf sich jetzt verändern. 🤍
Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.
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