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Hochsensibel und wütend: Warum das kein Widerspruch ist, sondern zusammengehört

Irgendwann hast du aufgehört, wütend zu sein. Nicht, weil es keinen Grund mehr gab, sondern weil Wut bei dir nie so aussah wie bei anderen. Unverhältnismäßig, übertrieben. Also hast du sie lieber weggepackt. Aber sie ist noch da.



Das Bild von der sanften Hochsensiblen


Wenn man über Hochsensibilität spricht, schwingt fast immer dasselbe Bild mit. Die feinfühlige Frau, die andere gut versteht, die mitfühlt, die Stimmungen wahrnimmt, die rücksichtsvoll und sanft durch die Welt geht. Und an dem Bild ist auch etwas dran.


Aber es ist nur die halbe Geschichte. Denn dieselbe Tiefe und Intensität, mit der du Schönes wahrnimmst, gilt auch für alles andere. Für Ungerechtigkeit. Für Grenzüberschreitungen. Für das Gefühl, übergangen oder nicht gesehen zu werden. Du spürst das nicht weniger intensiv als andere, sondern eher mehr. Und das heißt, dass da sehr wohl Wut ist. Oft sogar eine ganze Menge.


Nur passt sie so gar nicht in das Bild, das alle von dir haben, und vielleicht auch du selbst von dir hast. Und genau da fängt das Wegpacken an.


Warum du deine Wut irgendwann weggeräumt hast


Die wenigsten hochsensiblen Frauen haben gelernt, dass Wut sein darf. Und das hat viel damit zu tun, wie wir als Mädchen aufgewachsen sind.


Wut ist bei Jungen gesellschaftlich deutlich akzeptierter. Ein wütender Junge gilt schnell als durchsetzungsstark, als jemand, der für sich einsteht. Bei Mädchen ist es oft genau umgekehrt. Von ihnen wird erwartet, dass sie lieb sind, verständnisvoll, angepasst, dass sie Harmonie herstellen und es allen recht machen. Ein wütendes Mädchen passt da nicht hinein. Es gilt schnell als zickig, schwierig oder anstrengend.


Diese Botschaft bekommen viele Mädchen früh mit, manchmal ganz direkt, oft auch nur zwischen den Zeilen. Und sie lernen daraus, dass ihre Wut unerwünscht ist, dass sie besser nett bleiben, wenn sie dazugehören und gemocht werden wollen.


Dazu kommt für hochsensible Mädchen noch etwas: Viele haben früh die Erfahrung gemacht, dass ihre Wut zu groß wirkte, zu heftig, zu laut für die Umgebung. Oder dass sie viel zu schnell in Tränen umschlug, sodass niemand sie ernst nahm.


So oder so blieb dieselbe Botschaft hängen: So, wie deine Wut aussieht, ist sie nicht erwünscht.

Und weil du sensibel genug bist, um sofort zu spüren, wenn dein Gegenüber sich unwohl fühlt, hast du eine Lösung gefunden, die viele finden. Du hast die Wut einfach nicht mehr gezeigt. Hast sie heruntergeschluckt, weggelächelt, wegerklärt. Hast dir gesagt, dass es ja eigentlich gar nicht so schlimm war, dass die anderen es bestimmt nicht so gemeint haben, dass du vielleicht überreagierst.


Irgendwann wird daraus eine Gewohnheit, die so selbstverständlich läuft, dass du sie kaum noch bemerkst. Viele Frauen sagen mir, sie seien einfach kein wütender Mensch. Und wenn man genauer hinschaut, stimmt das gar nicht. Sie haben nur sehr gründlich gelernt, die Wut gar nicht erst an die Oberfläche zu lassen.


Wut ist eine Information, kein Fehler


Dabei ist Wut nichts, was wir loswerden müssten. Sie ist eine der klügsten Emotionen, die wir haben.


Wut zeigt an, dass eine Grenze überschritten wurde. Dass dir etwas wichtig ist. Dass etwas gerade nicht stimmig ist und sich ändern darf. Sie ist im Grunde ein Botschaft, die dir sagt, dass hier etwas gegen das läuft, was du brauchst oder für richtig hältst.


Wer seine Wut nicht mehr spürt, verliert damit auch diesen wichtigen Hinweisgeber. Man merkt dann gar nicht mehr so genau, wo die eigenen Grenzen liegen, wo etwas zu viel wird, wo man eigentlich Nein sagen müsste. Nicht, weil man keine Grenzen hätte, sondern weil das Signal, das sie anzeigt, abgeschaltet wurde.


🤍 Wut zeigt dir, dass dir etwas wichtig ist.

🤍 Wut zeigt dir, wo deine Grenzen verlaufen.

🤍 Wut ist kein Charakterfehler, sondern eine Information.


Was passiert, wenn die Wut keinen Platz bekommt


Hier kommt der Punkt, der gerade für ein sensibles Nervensystem wichtig ist. Wenn du Wut wegpackst, verschwindet sie nicht. Gefühle, die nicht gespürt und ausgedrückt werden dürfen, lösen sich nicht in Luft auf, sie bleiben im Körper.


Und dann suchen sie sich andere Wege. Bei vielen Frauen wird aus nicht gelebter Wut eine stille Erschöpfung, eine innere Daueranspannung, die nie ganz nachlässt. Manche kennen das als Gereiztheit, die sich an völlig harmlosen Kleinigkeiten entlädt, weil das eigentliche Thema nie angeschaut werden durfte. Andere richten die Wut nach innen, gegen sich selbst, als Selbstkritik, als das Gefühl, mal wieder versagt zu haben. Und manchmal zeigt sie sich ganz körperlich, in Verspannungen, in einem Kiefer, der nachts mahlt, in einem gereizten Magen oder Darm, in einem Körper, der einfach nicht zur Ruhe kommt.


Das alles kostet enorm viel Kraft. Eine Wut dauerhaft zurückzuhalten ist Arbeit, auch wenn man sie nicht als solche wahrnimmt. Das Nervensystem ist dann ständig damit beschäftigt, etwas im Zaum zu halten, und genau diese Daueranspannung ist es, die viele sensible Frauen am Ende so leer zurücklässt.


Warum gerade du sie so intensiv erlebst


Es gibt noch einen Grund, warum das Thema Wut für hochsensible Frauen so heikel ist. Wenn die Wut sich dann nämlich doch einmal Bahn bricht, fühlt sie sich oft riesig an. Weil so viel davon so lange zurückgehalten wurde, kommt sie nicht als kleine, dosierte Reaktion, sondern manchmal als Welle, die einen selbst erschreckt.


Und genau dieser Moment bestätigt dann scheinbar die alte Überzeugung: Siehst du, meine Wut ist einfach zu viel, ich kann sie besser gar nicht erst rauslassen. Dabei ist nicht die Wut das Problem, sondern dass sie so lange keinen Ort hatte. Was sich aufstaut, kommt selten leise.


Ein Nervensystem, das gelernt hat, dass Wut da sein darf, reagiert anders. Es lässt sie zu, lässt sie durch, ohne dass sie einen überrollt. Wut wird dann nicht zur Bedrohung, sondern zu etwas, das kommt, etwas mitteilt und wieder gehen darf.


Wie du deiner Wut wieder begegnen kannst


Der erste Schritt ist meist gar nicht, lauter zu werden oder plötzlich überall Grenzen zu ziehen. Stattdessen ist der erste Schritt, die Wut überhaupt wieder wahrzunehmen. Zu merken, dass da gerade etwas ist, ein Ziehen im Bauch, eine Enge im Hals, ein innerer Widerstand, und es nicht sofort wegzuerklären.


Oft hilft es, die Wut erst einmal nur innerlich gelten zu lassen, ohne gleich etwas damit tun zu müssen. Einfach anzuerkennen: Ich bin gerade wütend, und das ergibt Sinn. Allein das ist für viele ungewohnt, weil sie es sich so lange verboten haben.


Und weil Wut im Körper sitzt, läuft auch der Weg zurück über den Körper. Bewegung, die die Energie entlädt. Ein sicherer Raum, in dem die Wut da sein darf, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Und langfristig die Arbeit am Nervensystem selbst, damit es lernt, dass Wut kein Alarm ist, vor dem man sich schützen muss, sondern ein normaler Teil deines Erlebens.


Du darfst wütend sein, auch wenn es manchmal laut wird. Auch wenn es nicht in das Bild passt, das andere von dir haben. Deine Sensibilität und deine Wut schließen sich nicht aus, sie gehören beide zu dir. 🤍


Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.


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Nina Payer | Coaching

Psychologische Beraterin & Personal Coach

Fachberaterin für Hochsensibilität

Nervensystem Coach (NESC)

Hypnose-Coach

Entspannungstherapeutin

© 2025 Nina Payer Coaching

Körperorientiertes Nervensystem-Coaching & Hypnose Coaching

Online & in Präsenz in Cölbe bei Marburg für den

Raum Marburg-Biedenkopf, Gießen und Umgebung.

Praxisräume:

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