Warum du dich oft zu empfindlich fühlst - und was wirklich dahintersteckt.
- Nina Payer

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Du hast dir irgendwann abgewöhnt, in bestimmten Situationen mitzuteilen, wie es dir geht. Weil die Antwort darauf viel zu oft war: "Du bist halt so sensibel!". Aber was, wenn das gar keine Eigenschaft ist, sondern ein Signal?

Viele Frauen, die zu mir kommen, haben eine lange Geschichte mit genau diesem Satz. Gerne auch in Abwandlungen mit zu empfindlich, zu schnell überfordert, zu viel!
Irgendwann hört man diesen Satz zum ersten Mal. Vielleicht in der Kindheit oder als Teenagerin, oder mitten in einer Situation, in der man versucht zu erklären, warum einen etwas berührt hat, was andere scheinbar kaltlässt.
"Du nimmst das aber auch immer so persönlich!" "Stell dich doch nicht so an, du Dramaqueen!" "Du weißt aber schon, dass du sehr empfindlich bist, oder?"
Das Merkwürdige daran ist, dass man diese Sätze irgendwann gar nicht mehr von außen braucht, denn man fängt an, sie sich selbst zu sagen. Bevor irgendjemand anderes die Chance hat. Und irgendwann sind sie so vertraut, dass man sie für die eigene Stimme hält.
Vielleicht kennst du das: Du merkst, dass dich etwas stört und noch bevor du es in Worte fassen kannst, fragst du dich schon, ob du es nicht einfach überbewerten solltest. Ob die anderen das wohl auch so sehen würden - oder ob du überreagierst.
Das ist kein Zeichen von Überempfindlichkeit, sondern davor, wie lange du schon gelernt hast, dir selbst zu missbrauchen. Dich zusammenzureißen. Dich anzupassen. Und dadurch die Verbindung zu dir selbst zu verlieren.
Was Hochsensibilität wirklich bedeutet
Hochsensibilität ist keine Stimmungssache und kein Charaktermerkmal, das man einfach so ablegen könnte, wenn man nur wollte. Es ist eine neurologische Veranlagung bei der das Nervensystem Reize tiefer und breiter verarbeitet als bei anderen Menschen. Geräusche, Stimmungen, soziale Dynamiken, die Energie im Raum, unausgesprochene Spannungen, das subtile Unbehagen, wenn etwas nicht stimmt, ohne das jemand ein Wort gesagt hat - all das wird registriert und verarbeitet. Und zwar in einer anderen Form als wie bei Nicht-HSPlern oder neurotypischen Menschen.
Nicht weil man sich das so ausgesucht hat, sondern weil das Nervensystem so gebaut ist. Das kann verschiedene Hintergründe haben:
eine hohe sensorische Sensibilität (Hochsensibilität)
neurodivergente Muster (z.B. ADHS)
gelernte Wachsamkeit durch frühere Erfahrungen (z.B. Trauma)
Was von außen wie eine Überreaktion wirkt, ist oft eine vollkommen stimmige Reaktion auf etwas, das andere einfach nicht in dieser Intensität wahrnehmen. Und das verändert die Perspektive erheblich: Es geht nicht darum, dass du zu viel und zu stark reagierst, sondern darum, dass du mehr wahrnimmst.
Wenn Empfindlichkeit ein Signal ist, kein Fehler
Signale haben eine Funktion: Sie weisen auf etwas hin und sie wollen gehört werden. Und auch das, was wir gerne als "Überempfindlichkeit" betiteln, zeigt meistens auf etwas Konkretes:
auf eine Situation, die sich nicht stimmig für unser System anfühlt,
auf ein Umfeld das dauerhaft zu viel verlangt
auf ein Nervensystem, das eigentlich gerade Erholung bräuchte und stattdessen noch mehr Input bekommt
Wenn du aber immer gehört hast, dass du übertreibst, dann fragst du dich gar nicht mehr "Was passiert gerade in mir?", sondern "Bin ich gerade zu viel? Bin ich falsch?". Du versuchst dich herunterzuregulieren, machst dich kleiner, filterst vor dem Sprechen noch einmal, was das wirklich sagbar ist, was du eigentlich sagen möchtest.
🤍Du passt dich an.
🤍Du funktionierst und hältst durch.
🤍Du reißt dich zusammen.
Das hat zwar den kurzfristigen Vorteil, dass du zwar handlungsfähig bleibst, aber langfristig hat es einen Preis: Dein System kommt nie wirklich zur Ruhe.
Und das kostet unglaublich viel Energie! Nicht deine Empfindlichkeit selbst, sondern das ständige Management davon!
Und irgendwann, oft nach Jahren, kommt der Punkt, an dem Frauen anfangen zu merken: Das liegt gar nicht daran, dass ich zu viel bin. Das liegt daran, dass ich immer nur alles unter Kontrolle behalten wollte und nie gelernt habe, mit meinem Nervensystem wirklich in Kontakt zu sein.
Was sich verändert, wenn du anfängst hinzuschauen
Es geht nicht darum, weniger empfindlich zu werden. Es geht darum, die eigenen Empfindungen zu verstehen. Denn deine Reaktion macht Sinn!
Das verändert nicht sofort dein Erleben, aber es verändert den Umgang damit. Du hörst auf, gegen dich zu arbeiten und fängst an, mit deinem System zu arbeiten.
Das bedeutet konkret:
Du nimmst Signale früher wahr (Wo steht dein Nervensystem gerade? Was zeigt dir das? Was braucht es in diesem Moment?)
Du lernst Reizdichte bewusster zu steuern
Du interpretierst Pausen nicht mehr als Schwäche, sondern notwendiger Teil deines Alltags
Du versuchst Regulation nicht erst dann, wenn es zu spät ist
Nicht als Selbstoptimierungsprojekt, sondern als ehrliche Neugier auf das eigene System. Keine Checklisten, keine Disziplin, kein "besser werden", sondern ein Innehalten und Fragen: Was ist hier eigentlich gerade lost und was sagt es mir über das, was ich wirklich brauche?
Viele hoffen insgeheim, dass sie lernen können, weniger zu fühlen, weniger zu reagieren, weniger zu brauchen. Das ist auch total verständlich, aber es führt selten zu echter Entlastung.
Der nachhaltigere Weg ist ein anderer: Nicht weniger sein, sondern passender leben!
Das betrifft nicht nur Strategien, sondern auch Erwartungen, Umfeld und Tempo.
In den meisten Fällen geht es nämlich gar nicht um zu viel Gefühl, sondern um ein Nervensystem, das lange versucht hat, mit zu wenig Unterstützung klarzukommen. 🤍
Im nächsten Artikel schaue ich genauer hin, ob Hochsensibilität und Neurodivergenz dasselbe sind, sich überschneiden oder ob diese Frage eigentlich die Falsche ist.
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