Zwischen Hochsensibilität und ADHS — ein unsichtbarer Bereich
- Nina Payer

- 12. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Du erkennst dich in beiden, und in keinem ganz. Zu auffällig um als neurotypisch zu gelten, aber zu wenig auffällig für eine Diagnose. Willkommen in dem Bereich, über den am wenigsten gesprochen wird.
Das Gefühl, in keine Schublade ganz zu passen
Es gibt viele Artikel über Hochsensibilität. Auch das Thema ADHS bei Frauen rückt immer mehr ins Bewusstsein (endlich!). Aber es gibt erstaunlich wenig über das, was dazwischen liegt, über die Frauen, die sich in beiden Beschreibungen wiederfinden und gleichzeitig in keiner ganz ankommen.
Vielleicht kennst du das. Du liest über Hochsensibilität und denkst: Ja, das bin ich! Die Tiefe, mit der ich Dinge wahrnehme, die Reizüberflutung, das intensive Erleben. Und dann liest du über ADHS und denkst: Aber das auch! Die innere Getriebenheit, der plötzliche Hyperfokus und die lähmende Blockade vor banalen Alltagsaufgaben.
Und dann kommt der Moment, in dem du dich fragst: Was bin ich denn jetzt? Bin ich überhaupt etwas, oder bilde ich mir das alles nur ein?

Warum dieser Bereich so unsichtbar ist
Es gibt mehrere Gründe, warum gerade dieser Zwischenbereich so selten beleuchtet wird.
Zum einen passt er nicht in die klaren Kategorien, mit denen wir gerne arbeiten. Diagnostik braucht Grenzen, Definitionen, Kriterien. Aber echte Menschen leben selten in diesen sauberen Grenzen. Sie bewegen sich dazwischen, mal näher an dem einen, mal näher an dem anderen.
Zum anderen fallen genau diese Frauen oft durch jedes Raster. Sie sind zu reflektiert, zu funktionierend, zu angepasst, um in einer Diagnostik aufzufallen. Sie funktionieren, organisieren Familien und bauen Karrieren auf. Aber gleichzeitig sind sie auch zu erschöpft, zu überreizt, zu sehr am Anschlag, um sich als einfach neurotypisch zu erleben. Sie sind nicht auffällig genug für ein klares Ja, aber zu belastet für ein klares Nein.
Und so bleiben sie in einem Zwischenraum, in dem ihnen niemand so richtig weiterhilft, weil sie in keine der gängigen Erklärungen vollständig passen.
Hochsensibilität und ADHS: Überschneidung statt Entweder-oder
Was selten erklärt wird: Hochsensibilität und ADHS teilen sich eine ganze Reihe von Merkmalen, und das macht die Unterscheidung so schwierig.
Beide gehen mit erhöhter Reizoffenheit einher. Beide können zu schneller Überforderung führen. Beide bringen oft eine intensive emotionale Verarbeitung mit sich, ein tiefes Erleben, eine Empfindlichkeit gegenüber Stimmungen und Kritik. Bei beiden ist Erschöpfung ein ständiger Begleiter, und bei beiden funktionieren klassische Entspannungsmethoden oft nicht so, wie sie sollten.
Kein Wunder also, dass die Grenze verschwimmt. Manche Forscherinnen und Praktikerinnen gehen sogar davon aus, dass ein Teil dessen, was als Hochsensibilität beschrieben wird, bei genauerem Hinsehen unerkannte Neurodivergenz sein könnte. Andere betonen, dass es sich um eigenständige Phänomene handelt, die sich überschneiden können. Die ehrliche Antwort ist: Die Wissenschaft ist sich hier selbst noch nicht einig.
Was bedeutet, dass du dir umso weniger Vorwürfe machen musst, wenn du es selbst nicht klar einordnen kannst.
Warum die Frage „Was bin ich?" oft nicht weiterführt
Es ist verständlich, dass man Klarheit will. Ein Label, eine Erklärung, etwas, das die Verwirrung beendet. Aber gerade in diesem Zwischenbereich führt die Suche nach der einen richtigen Kategorie oft zu noch mehr Verunsicherung.
Denn dein Nervensystem funktioniert nicht in Kategorien. Es reagiert auf das, was du erlebst, was dich geprägt hat, was dich gerade fordert. Zwei Frauen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedlich funktionieren, und eine Frau ohne jede Diagnose kann genau dieselben Bedürfnisse haben wie eine mit.
Der gemeinsame Nenner ist das sensible Nervensystem. Ein Nervensystem, das schneller, intensiver und komplexer auf die Welt reagiert.
Die wichtigere Frage ist deshalb nicht „Was bin ich?", sondern „Was brauche ich?". Wann kippt mein System, und warum? Was reguliert mich wirklich? Welche Anforderungen überfordern mich, auch wenn sie eigentlich machbar sein sollten? Wo funktioniere ich nach außen und zahle innerlich den Preis dafür?
Das sind die Fragen, die in deinem Alltag tatsächlich etwas verändern, ganz unabhängig davon, welches Label am Ende darüber steht oder ob überhaupt eines darüber steht.
Was dieser Zwischenbereich nicht ist
Wichtig ist mir noch eines: Dieser Zwischenbereich ist kein Zeichen dafür, dass mit dir nichts ist, dass du übertreibst oder dir etwas einbildest.
Im Gegenteil. Gerade weil du so reflektiert bist, weil du dich so gut anpassen kannst, weil du nach außen funktionierst, wird oft übersehen, wie viel Kraft dich das kostet. Dein Erleben ist real, auch wenn es sich nicht sauber kategorisieren lässt. Deine Erschöpfung ist real, auch wenn keine Diagnose sie bestätigt. Und deine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die von jemandem mit einem klaren Befund.
Du brauchst keine Erlaubnis in Form einer Diagnose, um dein System ernst zu nehmen. 🤍
Was wirklich hilft
Statt dich weiter einzuordnen, lohnt es sich, mit deinem System in Kontakt zu kommen, so wie es ist. Zu verstehen, wie es reagiert, was es überfordert, was es beruhigt. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret in deinem Alltag.
Denn Veränderung entsteht nicht durch die perfekte Diagnose. Sie entsteht durch ein Verständnis, das greifbar wird, das du anwenden kannst, das dir hilft, anders mit dir umzugehen. Und dafür musst du nicht wissen, in welche Schublade du gehörst. Du musst nur anfangen, dir selbst zuzuhören.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Erleichterung: dass du nicht erst herausfinden musst, was du bist, um anfangen zu dürfen, gut für dich zu sorgen.
Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.
Verwandte Artikel:
Bin ich neurodivergent oder einfach erschöpft? ·
Was ist Hochsensibilität? — Ein ehrlicher Rundumblick ·
Frauen & ADHS: Wenn Leistung zur Überlebensstrategie wurde ·
Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem
Du willst keinen Artikel verpassen? Dann abonniere meinen monatlichen Newsletter.




Kommentare