Stimming bei ADHS. Keine Marotte, sondern Regulation
- Nina Payer

- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Du wippst mit dem Fuß. Kaust auf dem Stift. Zupfst an deiner Nagelhaut. Summst leise vor dich hin. Vielleicht hast du dir das irgendwann abgewöhnt, weil es anderen auffiel. Aber dein Nervensystem hat es nie aufgehört zu brauchen.

Was Stimming eigentlich ist
Stimming ist die Kurzform von „self-stimulating behaviour", also selbststimulierendes Verhalten. Gemeint sind all die kleinen, oft wiederholten Bewegungen oder Geräusche, die wir machen, manchmal bewusst, aber meistens ganz automatisch. Mit dem Fuß wippen, an einer Haarsträhne drehen, mit dem Stift klicken, an den Nägeln knibbeln, summen, schaukeln, die Finger oder Füße aneinanderreiben.
Die meisten Menschen tun so etwas hin und wieder. Bei neurodivergenten Menschen ist es aber kein Nebenbei, sondern eine wichtige Funktion: Stimming hilft dem Nervensystem, sich zu regulieren.
Das wird selten so benannt. Viel öfter hört man Sätze wie "Hör auf zu zappeln", "Kannst du nicht mal stillsitzen?" oder "Musst du das jetzt ständig machen". Und so lernen viele schon früh, dass diese Bewegungen unerwünscht sind, und gewöhnen sie sich ab, oder verlagern sie ins Verborgene.
Warum dein Nervensystem das braucht
Stimming ist keine zufällige Aktion. Es erfüllt einen Zweck, und zwar einen sehr sinnvollen.
Wiederholte, rhythmische Bewegungen wirken regulierend auf das Nervensystem. Sie können beruhigen, wenn zu viel Reiz da ist, und sie können aktivieren, wenn zu wenig los ist. Im Grunde ist Stimming ein körpereigener Weg, das eigene Erregungsniveau zu steuern, also dafür zu sorgen, dass man weder in der Überflutung noch in der völligen Unterforderung hängen bleibt, sondern in einem Bereich, in dem man handlungsfähig ist.
Genau deshalb fällt es vielen zum Beispiel leichter, zuzuhören oder sich zu konzentrieren, wenn die Hände etwas zu tun haben. Das Wippen, Zupfen oder Kauen lenkt nicht ab, wie man lange dachte. Es hilft dem Gehirn, bei der Sache zu bleiben.
🤍 Stimming beruhigt ein überreiztes System.
🤍 Stimming aktiviert ein unterfordertes System.
🤍 Stimming hilft, bei der Sache zu bleiben.
Stimming bei ADHS und bei Autismus: ähnlich und doch unterschiedlich
Stimming kommt sowohl bei ADHS als auch im Autismus-Spektrum vor, und oft bei Menschen, die beides haben. Die Funktion ist im Kern dieselbe, Selbstregulation, aber der Schwerpunkt ist häufig ein anderer.
Bei ADHS steht oft die Steuerung von Aktivierung und Aufmerksamkeit im Vordergrund. Das ADHS-Gehirn sucht Stimulation, weil es für seine Grundfunktion mehr davon braucht als ein neurotypisches Gehirn. Stimming liefert genau diese zusätzliche Anregung, fast wie ein Hintergrundreiz, der es dem Kopf erlaubt, sich auf das Eigentliche zu fokussieren. Das ist der Grund, warum so viele Menschen mit ADHS in Meetings auf dem Block kritzeln, beim Telefonieren herumlaufen oder beim Lernen ein Bein wippen lassen.
Im Autismus-Spektrum geht es häufiger um sensorische Regulation und um das Verarbeiten von Reizen und Emotionen. Stimming kann hier beruhigen, wenn die Umgebung zu viel wird, und es kann auch Ausdruck von Freude oder Anspannung sein. Die Bewegungen sind manchmal ausgeprägter oder gleichmäßiger, etwa Schaukeln, Handbewegungen, Laufen im Kreis oder das Wiederholen bestimmter Geräusche.
Die Übergänge sind fließend, und es gibt kein „richtiges" oder „falsches" Stimming. Entscheidend ist nicht, in welche Kategorie es fällt, sondern dass es dem Nervensystem hilft.
Was passiert, wenn man es unterdrückt
Hier wird es wichtig. Denn vielen von uns wurde das Stimming aberzogen, nicht aus bösem Willen, sondern weil es als störend, unruhig oder unpassend galt. Und so haben wir gelernt, es zu unterdrücken, gerade in Situationen, in denen wir es eigentlich am meisten bräuchten.
Das Problem dabei: Wenn man eine Regulationsstrategie wegnimmt, verschwindet nicht der Bedarf danach. Er bleibt, nur ohne Ventil. Das Nervensystem hat dann kein Werkzeug mehr, um sich selbst auszubalancieren, und muss die Anspannung anders kompensieren, meistens nach innen.
Dazu kommt, dass das Unterdrücken selbst Energie kostet. Wer ständig darauf achtet, das Bein still zu halten, nicht zu zappeln, die Hände ruhig zu lassen, überwacht sich permanent selbst im Hintergrund. Das ist ein Teil dessen, was man Masking nennt, und es ist einer der Gründe, warum so viele neurodivergente Frauen am Ende eines Tages, an dem von Außen betrachtet vielleicht gar nicht so viel passiert ist, völlig erschöpft sind.
Man hat dann nicht nur den Alltag bewältigt. Man hat gleichzeitig durchgehend gegen das eigene Nervensystem gearbeitet.
Stimming neu betrachten
Wenn man versteht, was Stimming wirklich ist, verändert sich der Blick darauf. Es ist keine Schwäche, die man sich abtrainieren sollte, sondern eine Ressource, die man wieder zulassen darf.
Das heißt nicht, dass jedes Stimming in jeder Situation gleich gut passt. Manches kann den Körper auf Dauer belasten, etwa wenn man sich wundscheuert oder die Nägel blutig knibbelt. In solchen Fällen geht es nicht darum, das Bedürfnis zu unterdrücken, sondern eine sanftere Form dafür zu finden, einen Gegenstand zum Kneten, etwas zum Drehen, eine Bewegung, die dem System dasselbe gibt, ohne zu schaden.
Der eigentliche Schritt ist aber ein innerer: aufzuhören, sich dafür zu schämen. Sich zu erlauben, dem Körper das zu geben, was er ohnehin sucht. Und zu erkennen, dass das Wippen, Summen oder Zupfen kein Zeichen dafür ist, dass etwas mit dir nicht stimmt, sondern dass dein Nervensystem ziemlich genau weiß, was es braucht.
Manchmal ist die größte Erleichterung, sich selbst wieder zu erlauben, was man sich als Kind mühsam abgewöhnt hat. 🤍
Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.
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