Woran ich merke, dass mein Nervensystem in die Regulation kommt.
- Nina Payer

- 24. Aug. 2022
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Mai
Oder: Hochsensibel Urlaub machen.
Was haben wir uns auf diesen Urlaub gefreut! Seit 2,5 Jahren endlich wieder Sonne, Sommer, Wasser, viel Lesen, lecker Essen… Die Erwartungen waren hoch und da ich seit einiger Zeit durch meine Nervensystem-Coaching Ausbildung auch selbst viel mit meinem Nervensystem arbeite und erste Erfolge spürbar sind, war auch die Hoffnung groß, dass dieser Urlaub diesmal ganz entspannt abläuft.

Hochsensibel Urlaub machen ist oft kein Spaß
Als hochsensible Frau und Mutter ist Urlaub machen für mich immer eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite bin ich neugierig auf neue Orte, andere Städte, Länder und Kulturen. Ich kann Stunden in ausländischen Supermärkten zubringen und total begeistert unbekannte Gerichte von den Speisekarten ausprobieren. Ich liebe es am Strand zu liegen, im Meer zu baden. Mit einem Buch auf der Liege am Pool meinen Kindern beim Spielen im Wasser zuzuschauen. Historische Stätten zu besuchen oder mich in kleinen verwinkelten Gassen verlieren.
Auf der anderen Seite strengen mich lange Autofahrten unglaublich an (hier wechseln sich Über- und Unterstimulierung stetig ab), Umbrüche und Veränderungen kosten mich generell viel Energie und ich brauche viel Ruhe und Zeit für mich - was im Urlaub mit der ganzen Familie und verschiedenen Vorstellungen nicht einfach ist. Ich werde schnell ungenießbar, wenn es zu heiß ist, ich Hunger habe oder auf Toilette muss. Da rastet meine innere hochsensible Diva komplett aus! Zudem habe ich zwei hochsensible Kinder, die beide sehr spezielle Bedürfnisse haben (gerade was das Essen angeht).
Das sollte aber diesmal anders werden!
Ich arbeite schließlich seit einiger Zeit mit meinem Nervensystem und spüre im Alltag immer wieder, dass sich bereits etwas verändert hat, wenn auch in manchen Bereichen nur sehr subtil. Aber ich weiß ja jetzt, wie es geht!
Bereits nach wenigen Tagen dann der Super-GAU! Ich bin mit den Nerven am Ende! Kann das Gezanke und die Lustlosigkeit der Kinder kaum noch ertragen, gefühlt schleppe ich alle mit durch den Tag, bin für alles verantwortlich und will doch eigentlich einfach nur meine Ruhe!!
Und sofort sind sie da, die Zweifel: Warum schaffe ich es nicht, entspannter zu sein? Klappt Nervensystemregulation für mich als HSP vielleicht gar nicht? Bin ich zu doof dafür? Habe ich versagt? Sollte ich das alles vielleicht einfach lassen? Bringt ja doch nichts...
Nach einem kurzen Austausch mit einer ebenfalls hochsensiblen Coaching-Kollegin wird mir dann allerdings plötzlich klar, dass ich wieder mal in die alte Falle getappt bin: Unbewusst hatte ich wohl gehofft, dass mit der Regulation meines Nervensystems auch meine hochsensiblen Bedürfnisse verschwinden würden! Was für ein Quatsch! Meine Hochsensibilität ist ein Teil von mir und wird das auch für immer bleiben.
Und bei der Regulation des Nervensystems geht es ja auch gar nicht darum, Bedürfnisse verschwinden zu lassen - im Gegenteil: Es geht darum, sie wieder zu spüren! Ganz genau zu spüren, was ich gerade brauche und was mir gerade nicht gut tut!! Und das hat tatsächlich in diesem Urlaub schneller und besser funktioniert als je zuvor! Mein Körper hat mir ganz klar gesagt, was er braucht! Das fühlt sich im ersten Moment wie der Super-GAU an - bei näherer Betrachtung ist es allerdings ein riesiger Fortschritt.
Handeln musste ich allerdings selbst!
Aktiv werden und die Situation verändern. Mir zu erlauben, alte "Regeln" und Vorstellungen einfach gehen lassen, die wir bezüglich Urlaubmachen vielleicht teilweise sogar noch von unseren Ursprungsfamilien übernommen haben oder im Laufe der Jahre selber entwickelt haben - ohne sie an die veränderten Bedingungen und Bedürfnisse anzupassen. Ohne schlechtes Gewissen (auch wenn das Umfeld nicht applaudierend daneben steht). Das gehört auch zu einem regulierten Nervensystem. Und es hat funktioniert! Wir haben im restlichen Urlaub einiges anders gemacht als sonst, was sowohl für meinen Mann als auch für meine Kinder neu und ungewohnt war, aber letztendlich hat es weder ihnen noch unserem Familienzusammenhalt geschadet, im Gegenteil.
Woran erkennst du also nun, dass die Arbeit mit dem Nervensystem funktioniert und du langsam wieder in die Regulation kommst?
Erstverschlimmerung: Dinge, die wir bisher nicht gespürt haben oder nicht spüren wollten, kommen plötzlich wieder hoch und das fühlt sich zunächst an, als würde alles schlimmer. In Wirklichkeit ist das ein gutes Zeichen: Dein Nervensystem fühlt sich sicher genug, diese Dinge hochkommen zu lassen. Sie waren immer da. Jetzt dürfen sie endlich gefühlt werden.
Besserer Zugang zur Intuition: Du spürst wieder klarer, wenn etwas nicht stimmt, wenn eine Entscheidung nicht wirklich deine ist, wenn eine Situation dir nicht guttut. Dein Körper gibt dir Signale, die du vorher überhört hast. Das ist kein Überreagieren. Das ist Körperweisheit, die sich zurückmeldet.
Einstehen für die eigenen Bedürfnisse: Nicht mehr so viel verbiegen, um Harmonie zu bewahren. Nicht mehr so schnell Ja sagen, wenn es Nein fühlt. Das passiert langsam und nicht immer sofort. Aber die Momente werden mehr, in denen du merkst: Ich habe für mich entschieden, nicht gegen mich.
Grenzen ohne Erklärung: Wenn eine Grenze wirklich im Körper angekommen ist, muss man sie nicht mehr laut aussprechen. Man strahlt sie aus. Andere begegnen einem anders. Oft, ohne dass man ein Wort gesagt hat. Das ist einer der überraschendsten Momente der Regulation.
Regulation bedeutet nicht, keine hochsensiblen Bedürfnisse mehr zu haben. Es bedeutet, sie wieder spüren zu können und von dort aus zu handeln.
Das ist der Unterschied. Und er verändert alles.




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