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Woran ich merke, dass mein Nervensystem in die Regulation kommt.

Aktualisiert: 6. Dez. 2022

Oder: Hochsensibel Urlaub machen.


Was haben wir uns auf diesen Urlaub gefreut! Seit 2,5 Jahren endlich wieder Sonne, Sommer, Wasser, viel Lesen, lecker Essen… Die Erwartungen waren hoch und da ich seit einiger Zeit durch meine NESC Ausbildung auch selbst viel mit meinem Nervensystem arbeite und erste Erfolge spürbar sind, war auch die Hoffnung groß, dass dieser Urlaub diesmal ganz entspannt abläuft.

Hochsensibel Urlaub machen ist oft kein Spaß


Als hochsensible Frau und Mutter ist Urlaub machen für mich immer eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite bin ich neugierig auf neue Orte, andere Städte, Länder und Kulturen. Ich kann Stunden in ausländischen Supermärkten zubringen und total begeistert unbekannte Gerichte von den Speisekarten ausprobieren. Ich liebe es am Strand zu liegen, im Meer zu baden. Mit einem Buch auf der Liege am Pool meinen Kindern beim Spielen im Wasser zuzuschauen. Historische Stätten zu besuchen oder mich in kleinen verwinkelten Gassen verlieren.


Auf der anderen Seite strengen mich lange Autofahrten unglaublich an (hier wechseln sich Über- und Unterstimulierung stetig ab), Umbrüche und Veränderungen kosten mich generell viel Energie und ich brauche viel Ruhe und Zeit für mich - was im Urlaub mit der ganzen Familie und verschiedenen Vorstellungen nicht einfach ist. Ich werde schnell ungenießbar, wenn es zu heiß ist, ich Hunger habe oder auf Toilette muss. Da rastet meine innere hochsensible Diva komplett aus! Zudem habe ich zwei hochsensible Kinder, die beide sehr spezielle Bedürfnisse haben (gerade was das Essen angeht).


Das sollte aber diesmal anders werden!


Ich arbeite schließlich seit einiger Zeit mit meinem Nervensystem und spüre im Alltag immer wieder, dass sich bereits etwas verändert hat, wenn auch in manchen Bereichen nur sehr subtil. Aber ich weiß ja jetzt, wie es geht!


Bereits nach wenigen Tagen dann der Super-GAU! Ich bin mit den Nerven am Ende! Kann das Gezanke und die Lustlosigkeit der Kinder kaum noch ertragen, gefühlt schleppe ich alle mit durch den Tag, bin für alles verantwortlich und will doch eigentlich einfach nur meine Ruhe!!

Und sofort sind sie da, die Zweifel: Warum schaffe ich es nicht, entspannter zu sein? Klappt Nervensystemregulation für mich als HSP vielleicht gar nicht? Bin ich zu doof dafür? Habe ich versagt? Sollte ich das alles vielleicht einfach lassen? Bringt ja doch nichts...

Nach einem kurzen Austausch mit einer ebenfalls hochsensiblen NESC-Kollegin wird mir dann allerdings plötzlich klar, dass ich wieder mal in die alte Falle getappt bin: Unbewusst hatte ich wohl gehofft, dass mit der Regulation meines Nervensystems auch meine hochsensiblen Bedürfnisse verschwinden würden! Was für ein Quatsch! Meine Hochsensibilität ist ein Teil von mir und wird das auch für immer bleiben.


Und bei der Regulation des Nervensystems geht es ja auch gar nicht darum, Bedürfnisse verschwinden zu lassen - im Gegenteil: Es geht darum, sie wieder zu spüren! Ganz genau zu spüren, was ich gerade brauche und was mir gerade nicht gut tut!! Und das hat tatsächlich in diesem Urlaub schneller und besser funktioniert als je zuvor! Mein Körper hat mir ganz klar gesagt, was er braucht! Das fühlt sich im ersten Moment wie der Super-GAU an - bei näherer Betrachtung ist es allerdings ein riesiger Fortschritt.

Handeln musste ich allerdings selbst!


Aktiv werden und die Situation verändern. Mir zu erlauben, alte "Regeln" und Vorstellungen einfach gehen lassen, die wir bezüglich Urlaubmachen vielleicht teilweise sogar noch von unseren Ursprungsfamilien übernommen haben oder im Laufe der Jahre selber entwickelt haben - ohne sie an die veränderten Bedingungen und Bedürfnisse anzupassen. Ohne schlechtes Gewissen (auch wenn das Umfeld nicht applaudierend daneben steht). Das gehört auch zu einem regulierten Nervensystem. Und es hat funktioniert! Wir haben im restlichen Urlaub einiges anders gemacht als sonst, was sowohl für meinen Mann als auch für meine Kinder neu und ungewohnt war, aber letztendlich hat es weder ihnen noch unserem Familienzusammenhalt geschadet, im Gegenteil.


Woran erkennst du also nun, dass die Arbeit mit dem Nervensystem funktioniert und du langsam wieder in die Regulation kommst?


  • Erstverschlimmerung

Dinge, die wir bisher nicht gespürt haben oder nicht spüren wollten, können wir plötzlich (wieder) spüren und das fühlt sich so an, als würde erstmal alles schlimmer und schlechter. In Wirklichkeit ist das allerdings ein Anzeichen dafür, dass die Dinge in Gang kommen und dass dein Nervensystem sich sicher fühlt, diese Dinge hochkommen zu lassen, damit du sie dir anschauen kannst. Diese Dinge waren immer da, wir haben sie nur bisher von uns abgespalten, weil wir keine Kapazitäten für sie hatten. Nun sind sie wieder da, um gefühlt zu werden. Das ist wunderbar!


  • Besserer Zugang zu deiner Intuition

Du spürst wieder sehr klar und eindeutig, wenn dir etwas nicht gut tut oder auch wenn du dich für etwas entscheidest, das nicht dein Ding ist oder das du eigentlich gar nicht willst. Deine Körperempfindungen zeigen dir ganz klar, wenn du gegen dich selbst arbeitest. Jetzt ist es an dir, zu handeln.


  • Einstehen für die eigenen Bedürfnisse

Je mehr dein Nervensystem sich wieder reguliert, desto weniger verbiegst du dich, um die Sicherheit von außen zu bekommen. Denn diese Sicherheit kommt nun Stück für Stück aus dir selbst. Selbst wenn du dich am Anfang vielleicht noch nicht sofort für das entscheidest, was für dich eigentlich das Stimmigste ist, ist es ein Fortschritt. Aber irgendwann, wenn die innere Sicherheit noch weiter wächst, wirst du dich anders entscheiden. Ein komplett dysreguliertes Nervensystem lässt jedoch erst gar keine Entscheidung zu.