ADHS & Nervensystem. Warum Selbstdisziplin oft nach hinten losgeht.
- Nina Payer

- vor 16 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
„Du musst einfach konsequenter sein. „Mehr Struktur, mehr Routinen, weniger Ablenkung.“ „Wenn du dich nur genug zusammenreißt, klappt das schon.“
Viele Frauen mit ADHS haben diese Sätze nicht nur gehört – sie haben sie verinnerlicht. Und sie haben es versucht. Mit To-Do-Listen. Bullet Journals. Morgenroutinen. Selbstoptimierungs-Challenges.
Und trotzdem passiert irgendwann dasselbe: Ein paar Wochen läuft es gut. Dann bricht alles ein. Und am Ende bleibt die Frage: Warum kriege ich das nicht dauerhaft hin?
Die ehrliche Antwort ist unbequem, aber auch entlastend:
Weil ADHS kein Disziplinproblem ist. Es ist ein Nervensystem-Thema.

ADHS ist keine Willensschwäche
ADHS bedeutet nicht, dass du zu wenig willst. Sondern dass dein Gehirn und dein Nervensystem anders regulieren.
Typisch sind:
schwankende Aufmerksamkeit
ungleichmäßige Motivation
impulsive Aktivierung
Phasen von Hyperfokus
Phasen von Erschöpfung oder innerer Leere
Das Entscheidende: Diese Zustände sind nicht moralisch. Sie sind neurobiologisch.
Bei ADHS ist unter anderem die Dopaminregulation anders organisiert. Motivation entsteht nicht gleichmäßig, sondern sprunghaft. Das bedeutet: Du kannst an einem Tag extrem fokussiert und produktiv sein und am nächsten wirkt dieselbe Aufgabe unüberwindbar.
Selbstdisziplin setzt jedoch eine gewisse Konstanz voraus. Und das ist mit ADHS nicht möglich.
Wenn Disziplin zur Daueranspannung wird
Was passiert, wenn man versucht, ein inkonsistent reguliertes Nervensystem mit Disziplin zu zwingen?
Kurzfristig:
✔ Struktur
✔ Fokus
✔ das Gefühl von Kontrolle
Langfristig:
✖ innere Anspannung
✖ Erschöpfung
✖ Schuldgefühle
✖ erneuter Zusammenbruch
Denn Disziplin funktioniert bei ADHS häufig über Stressaktivierung. Das Nervensystem geht in einen leichten Alarmmodus, um Leistung abrufbar zu machen. Du „reißt dich zusammen“, du ziehst durch und du funktionierst. Aber das kostet dich Energie – viel Energie.
Warum es sich trotzdem manchmal gut anfühlt
Viele Frauen mit ADHS kennen diese Phasen: Plötzlich ist alles klar. Motivation ist da. Ideen fließen. Aufgaben werden abgearbeitet. Man fühlt sich endlich „normal“.
Oft ist das ein Zustand aus:
erhöhtem Dopamin
Fokus
innerem Druck
Vision oder Deadline
Obwohl es sich stabil anfühlt, ist es das oft ganz und gar nicht. Denn wenn der Motor auf Stress und innerem Antreiber läuft, fehlt echte Regulation. Und sobald die Energie nachlässt, kippt das System in Erschöpfung oder Überforderung. Dann folgt der große Crash.
Das Nervensystem hinter ADHS
ADHS betrifft nicht nur Aufmerksamkeit, sondern das gesamte Stress- und Regulationssystem.
Typisch sind:
erhöhte Reizoffenheit
schnelle Aktivierung
Schwierigkeiten beim Runterfahren
Probleme beim Übergang zwischen Aufgaben
innere Unruhe trotz Müdigkeit
Wenn du dann zusätzlich versuchst, dich permanent zu kontrollieren, verstärkst du genau das Muster, das dich erschöpft. Mehr Disziplin bedeutet dann: mehr Spannung, mehr Selbstüberwachung und noch mehr innerer Druck. Und weniger echte Sicherheit.
Warum klassische Selbstoptimierung nicht passt
Viele Konzepte setzen auf:
tägliche Routinen
feste Zeitfenster
strikte Priorisierung
klare Leistungsziele
Das kann hilfreich sein, aber nur, wenn es das Nervensystem unterstützt und dir ständige Entscheidungen abnimmt. Aber nicht, wenn es dein Nervensystem nur noch mehr überfordert, weil da plötzlich noch mehr ist, was du beachten musst.
Ein ADHS-Nervensystem braucht oft:
Flexibilität statt Starrheit
Rhythmus statt rigider Struktur
Reizmanagement statt Willenskraft
echte Pausen statt „Belohnung nach Leistung“
Der Perspektivwechsel: Nicht mehr Disziplin – sondern mehr Regulation
Die entscheidende Frage ist nicht: Wie werde ich konsequenter?
Sondern: Wie kann mein Nervensystem überhaupt stabil genug sein, um Aufgaben umzusetzen?
Das bedeutet konkret:
Reizreduktion im Alltag
realistische Planung (weniger, nicht mehr)
Übergänge bewusst gestalten
Körperzustände wahrnehmen
Hyperfokus nicht glorifizieren
Erschöpfung ernst nehmen
Und manchmal auch: medikamentöse Unterstützung in Erwägung ziehen, wenn die Belastung hoch ist. Denn bei einem bestimmten Grad an ADHS kann Regulation ohne Unterstützung dauerhaft kaum gelingen.
Disziplin ersetzt keine Sicherheit
Ein reguliertes Nervensystem kann leisten, ohne sich dabei permanent zu überfordern. Es kann Pausen zulassen und Fehler tolerieren. Es kann zwischen Aktivität und Ruhe wechseln.
Disziplin kann kurzfristig Ordnung schaffen, aber Regulation schafft langfristig Stabilität.
Und für viele neurodivergente Frauen beginnt der Wendepunkt genau hier: Nicht noch härter an sich zu arbeiten, sondern das eigene System besser zu verstehen.
Wenn Selbstdisziplin bei dir immer wieder nach hinten losgeht, ist das kein persönliches Versagen, sondern ein Hinweis. Dein Nervensystem braucht keine strengere Führung, sondern bessere Bedingungen.
Und manchmal ist genau das der erste Schritt raus aus dem ständigen Kreislauf aus Hochphase, Einbruch und Selbstkritik. 🤍
Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie ADHS und Nervensystem zusammenhängen, findest du auf meinem Blog weitere Artikel rund um Regulation, Erschöpfung und neurodivergente Bedürfnisse.





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