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ADHS und Regulation: Warum das, was alle empfehlen, bei dir nicht funktioniert

Was bei einer Freundin sofort wirkt, ein Spaziergang, frühes Schlafengehen, ein ruhiges Wochenende, lässt dich manchmal noch leerer zurück. Aber das ist kein Zufall. Dein System reguliert anders. Nicht schlechter, nur anders.


Frau liegt erschöpft mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, ihre Beine hängen über der Lehne

Wenn die Standardrezepte nicht aufgehen


Im letzten Artikel haben wir darüber gesprochen, warum klassische Selbstfürsorge-Ratschläge für hochsensible und neurodivergente Nervensysteme oft nicht greifen. Heute schauen wir noch genauer hin, was dahintersteckt, nämlich dass Regulation bei neurodivergenten Menschen neurologisch ganz anders funktioniert als bei neurotypischen.


Das klingt erstmal abstrakt, wird aber sehr konkret, wenn man es im Alltag erlebt.


Du machst das, was alle empfehlen. Du versuchst, früher zu schlafen, weniger zu tun, mehr Pausen einzubauen. Und irgendwie hilft es nicht so, wie es sollte. Du kommst nicht wirklich runter. Oder du kommst runter, aber danach geht es dir schlechter als vorher.


Das ist kein Versagen, sondern eher ein Hinweis darauf, dass dein System andere Signale braucht, um sich sicher genug zu fühlen, um wirklich zu erholen.


Wie neurotypische Regulation funktioniert


Bei einem neurotypischen Nervensystem funktioniert Regulation in der Regel nach einem relativ einfachen Prinzip: weniger Reize + weniger Anforderungen = mehr Ruhe.

Ein ruhiges Wochenende, früh ins Bett, ein Spaziergang in der Natur, das Nervensystem fährt herunter, der Körper erholt sich, man kommt gestärkt zurück.


Das ist kein Wunder, sondern Neurobiologie. Das Nervensystem bewertet die Situation als sicher → der Parasympathikus übernimmt → der Aktivierung sinkt → Erholung kann stattfinden.


Bei neurodivergenten Nervensystemen greift dieses Prinzip oft nicht, zumindest nicht auf dieselbe Art. Und der Grund dafür liegt nicht in mangelnder Disziplin oder falschem Verhalten, sondern in der Grundstruktur des Nervensystems selbst.


ADHS und Regulation: ein grundlegend anderes System


Bei ADHS, besonders bei Frauen, ist Regulation eines der zentralen und am meisten unterschätzten Themen. Denn ADHS ist nicht einfach ein Aufmerksamkeitsproblem. Es ist vor allem ein Regulationsproblem, das Aufmerksamkeit, Energie, Emotionen und den Übergang zwischen Zuständen betrifft.


Das bedeutet konkret: Das ADHS-Gehirn kann nicht einfach von Anspannung auf Entspannung umschalten, wenn die äußeren Bedingungen es theoretisch erlauben würden. Es braucht dafür entweder den richtigen Reiz, ausreichend Stimulation, echtes Interesse, Bewegung, oder es bleibt in einem Zwischenzustand hängen, der sich weder wie Aktivität noch wie Erholung anfühlt.


Stille kann sich dabei paradoxerweise anstrengender anfühlen als Beschäftigung. Nicht weil man keine Ruhe will, sondern weil das Gehirn in Stille nicht einfach aufhört, es sucht weiter, springt weiter, produziert weiter. Gedanken, innere Unruhe, das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, auch wenn man nicht weiß was.


Viele Frauen mit ADHS kennen dieses Gefühl sehr gut, ohne es je so benennen zu können. Man legt sich hin, um sich zu erholen, und kommt rastloser wieder auf als vorher. Man macht Urlaub und braucht danach eine Woche, um sich von der Erholung zu erholen.


Das ist kein Zeichen, dass man nicht abschalten kann, sondern eher ein Zeichen, dass das Gehirn andere Bedingungen braucht, um tatsächlich in Erholung zu kommen.


Warum Frauen mit ADHS das so lange nicht wissen


Ein zusätzliches Problem ist, dass ADHS bei Frauen so lange so anders aussieht als das, was die meisten unter ADHS verstehen, dass viele Frauen jahrzehntelang nicht wissen, dass sie neurodivergent sind.


Kein hyperaktives Kind, das im Unterricht reinruft und über Bänke springt.

Stattdessen: eine Frau, die funktioniert, kompensiert, anpasst, und dabei innerlich permanent auf Hochtouren läuft. Die sich nach jedem sozialen Abend tagelang erholen muss. Die sich selbst nicht versteht, weil sie weiß, was ihr guttun würde, es aber trotzdem nicht schafft umzusetzen.


Und weil sie das nicht als ADHS einordnet, ordnet sie es eben als Versagen ein. Als zu wenig Disziplin, zu wenig Willenskraft, zu viel Empfindlichkeit.


Dabei ist es keins davon. Es ist ein Nervensystem, das andere Regulationswege braucht und diese nie kennengelernt hat, weil niemand wusste, dass es sie bräuchte.


Kurz: Autismus und Regulation


Auch bei autistischen Menschen funktioniert Regulation anders, oft noch stärker auf sensorischer Ebene. Bestimmte Reize, die für andere neutral oder angenehm sind, können das Nervensystem massiv belasten, während andere Reize, die von außen seltsam wirken mögen, tatsächlich regulierend wirken. Stimming, also sich wiederholende Bewegungen oder Geräusche, ist ein gutes Beispiel dafür: nicht eine Angewohnheit, die man abstellen sollte, sondern eine sinnvolle körpereigene Regulationsstrategie.


Auch hier gilt: Was von außen wie eine Überreaktion oder eine Marotte wirkt, ist oft ein sehr präzises Nervensystem, das sehr genau weiß, was es braucht, und das man besser verstehen als korrigieren sollte.


Was neurodivergente Regulation wirklich braucht


Wenn klassische Erholungsmethoden nicht funktionieren, lohnt es sich, die Frage anders zu stellen: Nicht „Warum kann ich nicht einfach entspannen?", sondern „Was braucht mein System konkret, um sich sicher genug zu fühlen, um runterzukommen?"


Für viele Frauen mit ADHS ist das Bewegung, nicht als Sport-Pflichtprogramm, sondern als Ventil für die aufgestaute innere Aktivierung. Oder es ist Stimulation in einer kontrollierten Form, ein Podcast beim Spaziergang, Musik beim Kochen, etwas, das dem Gehirn genug gibt, damit es nicht selbst anfängt, Reize zu produzieren. Oder es sind klare Strukturen und Routinen, nicht als Disziplinwerkzeug, sondern als Sicherheitssignal, das dem Nervensystem sagt: Hier weißt du, was kommt. Hier kannst du loslassen.


Das ist ganz individuell. Und es braucht oft erst eine Phase des ehrlichen Ausprobierens und Hinschauens, bevor man versteht, was bei einem selbst wirklich wirkt und was nur gut klingt.


Nicht schlechter reguliert — anders verdrahtet


Der wichtigste Gedanke, den ich mitnehmen möchte, ist dieser: Ein neurodivergentes Nervensystem, das nicht auf klassische Entspannungsmethoden anspricht, ist nicht kaputt. Es ist anders gebaut, mit anderen Bedürfnissen, anderen Regulationswegen und einer anderen Art, wie es Sicherheit erlebt.


Das zu verstehen verändert nicht sofort alles, aber es verändert den Ausgangspunkt. Statt gegen das eigene System zu arbeiten, beginnt man, mit ihm zu arbeiten. Statt sich zu fragen, warum man nicht funktioniert wie andere, beginnt man zu fragen, wie man tatsächlich funktioniert.


Und das ist der Anfang von etwas, das wirklich trägt.


Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.


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Nina Payer | Coaching

Psychologische Beraterin & Personal Coach

Fachberaterin für Hochsensibilität

Nervensystem Coach (NESC)

Hypnose-Coach

Entspannungstherapeutin

© 2025 Nina Payer Coaching

Körperorientiertes Nervensystem-Coaching & Hypnose Coaching

Online & in Präsenz in Cölbe bei Marburg für den

Raum Marburg-Biedenkopf, Gießen und Umgebung.

Praxisräume:

Fliederweg 6, 35091 Cölbe

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