„Du musst nur dein Cortisol senken!“ - Warum diese Erklärung vielen Frauen nicht hilft
- Nina Payer

- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Wenn man sich aktuell auf Social Media bewegt, kommt man an einem Narrativ kaum vorbei: Nicht die Hormone sind das Problem, sondern dein zu hoher Cortisolspiegel.
Programme wie „The Liven“ oder ähnliche Angebote versprechen, genau hier anzusetzen. Und viele Frauen fühlen sich davon angesprochen. Zu Recht. Denn Stress spielt eine enorme Rolle, gerade in der Perimenopause.
Das Problem ist nur: Diese Erzählung greift zu kurz.
Und für viele Frauen – besonders sensible und neurodivergente – kann sie sogar in die genau falsche Richtung führen.

Cortisol vs. Hormone: kein Entweder-Oder
Fangen wir mit der wichtigsten Klarstellung an: Es ist nicht falsch, über Cortisol zu sprechen. Aber es ist falsch, es isoliert zu betrachten.
In der Perimenopause passiert hormonell real Folgendes:
Progesteron sinkt früher und deutlicher
Östrogen schwankt stark (nicht einfach „zu wenig“)
diese Schwankungen verringern die natürliche Stresspufferung des Nervensystems
Was bedeutet das?
→ Das autonome Nervensystem reagiert instabiler.
→ Schlaf wird schlechter.
→ Reizverarbeitung wird sensibler.
→ Cortisol steigt oft sekundär, nicht primär
Das heißt, Cortisol ist in vielen Fällen Folge, nicht alleinige Ursache für einen erhöhten Cortisolwert. Programme, die suggerieren, man müsse „nur“ den Cortisolspiegel senken, greifen also einen echten Aspekt auf – lassen aber den Kontext weg, in dem dieser Anstieg überhaupt entsteht.
Der entscheidende Faktor, der oft fehlt: Neurodivergenz & ADHS
Hier wird es besonders relevant und hier wird es oft problematisch.
Bei Frauen mit ADHS oder einem sehr sensiblen Nervensystem gilt eine andere Ausgangslage:
das Stresssystem ist grundsätzlich reaktiver
Cortisol wird nicht einfach „zu viel“, sondern unregelmäßig ausgeschüttet
es gibt häufige Wechsel zwischen Überaktivierung und Erschöpfung
Das bedeutet: Dein System ist nicht einfach „zu gestresst“. Es ist inkonsistent reguliert.
Und das lässt sich nicht wegtrainieren. Nicht mit Atemübungen. Nicht mit Morgenroutinen. Nicht mit Disziplin.
„Aber ich mache doch schon so viel gegen Stress!“
Genau hier liegt der Denkfehler vieler Programme. Viele Frauen, die sich angesprochen fühlen, tun bereits enorm viel:
sie reduzieren äußere Stressoren
strukturieren ihren Alltag bewusst
ziehen sich zurück, regenerieren
beschäftigen sich mit Nervensystemarbeit
nehmen ggf. medikamentöse Unterstützung
sind körperlich sehr aufmerksam
Und trotzdem geht es ihnen nicht „einfach besser“. Was dann oft passiert: Sie glauben, sie müssten noch konsequenter, noch achtsamer, noch disziplinierter sein.
Für ein ADHS-geprägtes Nervensystem bedeutet das häufig: Der innere Antreiber wird nur weiter gefüttert, nicht das System entlastet.
Was selten gesagt wird – aber entscheidend ist
Die eigentliche Frage lautet nicht: „Wie senke ich mein Cortisol?“
Sondern: „Wann und warum geht mein System in Aktivierung, obwohl objektiv keine Gefahr da ist?“
Hier liegen die blinden Flecken vieler Programme:
🔹 Mikro-Überforderung statt „Stress“
Es geht gar nicht um den großen Stress, das eigentlich Problem sind:
zu viele kleine Entscheidungen
hohe Reizdichte
soziale Anpassung (Masking)
All das erhöht Cortisol, ohne dass man es als „Stress“ wahrnimmt.
🔹 Sicherheit ist nicht gleich Entspannung
Ein sensibles Nervensystem braucht Vorhersagbarkeit, nicht nur Ruhe. „Entspannung“ ohne Sicherheitsgefühl kann im Gegenteil sogar aktivierend wirken.
🔹 Dopaminmangel ist kein Cortisolproblem
Manche Zustände fühlen sich wie Stress an, sind aber:
Unterstimulation
innere Leere
fehlende Dopaminregulation
Das lässt sich nicht mit Cortisol-Techniken lösen.
Würde ein solches Programm trotzdem helfen?
Ehrlich: Vielleicht punktuell.
Wenn es:
psychoedukativ sauber aufgebaut ist
nicht leistungsorientiert arbeitet
Nervensystemlogik statt Selbstoptimierung vermittelt
Aber für viele Frauen – gerade mit ADHS – ist das Risiko hoch, dass:
ein weiteres „Ich-muss-das-richtig-machen“ aktiviert wird
die neurodivergente Realität unterschätzt wird
hormonelle Prozesse vereinfacht werden
Regulation mit Kontrolle verwechselt wird
Die ehrlichere Einordnung
Das Thema ist meist nicht " zu wenig Cortisol-Management", sondern:
→ ein hochsensibles, neurodivergentes Nervensystem
→ in einer hormonell instabileren Lebensphase
→ das Sicherheit, Rhythmus und Entlastung braucht
→ ohne sich selbst zum Projekt zu machen
Was viele Frauen suchen, ist keine weitere Methode. Sondern Feinabstimmung, Erlaubnis – und die Entkopplung von Leistung.
Weniger optimieren. Mehr verstehen.
Cortisol ist wichtig. Hormone sind wichtig. Aber sie erklären nicht alles.
Wenn dein Nervensystem seit Jahren kompensiert, reagiert, sich anpasst und durchhält, dann braucht es keinen neuen Trainingsplan, sondern einen anderen Blick.
Nicht: Was muss ich noch tun?
Sondern: Was passiert hier eigentlich und wie kann ich meinem System wirklich Sicherheit geben?
Manchmal ist genau das der Wendepunkt.
Für mehr Infos zum Thema Nervensystem & Neurodivergenz, komm gerne auf meine Website.





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