Mythos: Du musst nur loslassen.
- Nina Payer

- vor 14 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Warum Kontrolle oft ein Schutzmechanismus ist
„Lass doch einfach los!“ – hast du diesen Satz auch schon mal gehört, wenn du in einer schwierigen Situation warst? Vielleicht sogar mit einem aufmunternden Lächeln oder als gut gemeinten Coaching-Tipp? Klar, hört sich vernünftig an: Das, was uns belastet einfach mal loszulassen! Brauchen wir nicht mehr. Weg damit.
Doch was, wenn dein Nervensystem dabei nicht mitmacht?
Was, wenn Loslassen sich nicht anfühlt wie Erleichterung, sondern wie totaler Kontrollverlust?

Kontrolle ist nicht gleich Kontrolle
Viele Menschen, gerade neurodivergente Frauen, haben ein ambivalentes Verhältnis zu Kontrolle.
Nach außen wirken sie oft sehr reflektiert, organisiert, leistungsfähig. Innen aber läuft ein ganz anderes Programm:
Angst, Unsicherheit, Überforderung – oft verbunden mit der tiefen Überzeugung, dass sie nicht schwach wirken dürfen. Nicht negativ auffallen. Immer vorbildlich funktionieren.
Kontrolle zu behalten, wird dann nicht zur Entscheidung, sondern zur Überlebensstrategie.
Denn wer nicht funktioniert, könnte abgelehnt werden. Wer nicht alles im Griff hat, könnte Fehler machen. Und wer nicht liefert, wird vielleicht nicht mehr gebraucht. Das war's dann!
Warum wir Kontrolle oft brauchen, um uns sicher zu fühlen
Aus Sicht des Nervensystems ist Kontrolle kein Fehler, sondern ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Wenn du in früheren Erfahrungen Ohnmacht, Chaos, emotionale Unverfügbarkeit oder Überforderung erlebt hast, dann hat dein System gelernt:
„Wenn ich die Kontrolle behalte, passiert mir nichts.“
Kontrolle kann sich dabei ganz unterschiedlich zeigen:
Du versuchst, für alles vorbereitet zu sein
Du analysierst bis ins letzte Detail, um keine Überraschung zu erleben
Du hast ein hohes Verantwortungsgefühl, auch für Dinge, die nicht in deiner Hand liegen
Du brauchst Ordnung, Struktur, To-do-Listen (und Schuldgefühle, wenn du sie nicht abarbeitest)
Du reagierst mit innerem Stress, wenn jemand „einfach so“ Pläne ändert
Kommt dir das bekannt vor?
Dann geht es nicht darum, dir diese Strategien einfach „abzutrainieren“. Sondern sie erstmal zu verstehen.
Kontrolle = Selbstschutz. Kein Makel.
In der körperorientierten Arbeit mit dem Nervensystem schauen wir nicht darauf, was weg soll, sondern warum es überhaupt da ist.
Kontrolle ist oft gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir glauben, wir müssten sie loslassen, um „gesund“ oder „spirituell“ oder „entwickelt“ zu sein.
Dabei kann genau dieser Druck ein Nervensystem erst recht in Alarm bringen.
Ich höre ganz oft Sätze wie:
„Ich kann dieses Thema einfach nicht loslassen und das macht mich fertig!"
„Ich verstehe mich ja selbst nicht – warum kann ich einfach nicht entspannen?“
„Ich will nicht mehr so kontrolliert sein, aber ohne Kontrolle fühle ich mich völlig verloren. Das fühlt sich an, als würde die Welt untergehen!“
Und genau da fängt die echte Arbeit an: Nicht beim Loslassen. Sondern beim Sicherwerden.
Regulation kommt vor Loslassen
Ein Nervensystem lässt nicht los, weil es das soll. Es lässt los, wenn es kann. Wenn genug Sicherheit da ist. Wenn es Alternativen zu Kontrolle gibt. Wenn das System gelernt hat: Ich bin nicht mehr in Gefahr.
Deshalb arbeite ich mit meinen Klientinnen auch nicht daran, Kontrolle abzubauen, sondern daran, den inneren Druck zu verstehen, der sie antreibt.
Wir schauen gemeinsam auf den Ursprung dieser Strategien, erforschen die körperlichen Reaktionen dahinter und entwickeln neue Möglichkeiten, sicher zu sein, ohne alles kontrollieren zu müssen.
Das ist ein Prozess.
Und ja, manchmal ist es ein langsamer.
Aber er ist auch sehr ehrlich. Und vor allem nachhaltig.
Und was ist mit Loslassen?
Loslassen ist kein Ziel, sondern ein Nebeneffekt der Regulation.
Wenn dein Körper sich sicher fühlt, kannst du plötzlich Dinge tun, die vorher undenkbar waren:
dich nicht sofort um alles kümmern
ein To-do offenlassen
ein „Nein“ riskieren und wirklich für dich einstehen
dich in einer Verbindung entspannen
deine Meinung sagen, auch wenn sie aneckt
Hilfe annehmen, ohne Schuldgefühl
Und du merkst:
Es geht gar nicht um das Loslassen an sich.
Sondern um das Vertrauen, dass du in deinem Tempo eine neue Art zu leben finden darfst. 🤍
Eine, in der Kontrolle nicht länger dein einziger Schutzmechanismus ist.
Du musst nicht loslassen. Du darfst verstehen.
Wenn du dich also wieder mal dabei ertappst, dass du dir selbst sagst:
„Ich muss endlich loslassen“ – dann frag dich lieber:
Was würde sich ändern, wenn ich erstmal begreife, warum ich so festhalte?
Vielleicht beginnt genau da ein neues Kapitel. Eins, in dem du nicht gegen dich arbeitest, sondern mit dir. ✨
Wenn du mehr über meinen körperorientierten Ansatz erfahren möchtest:
Auf meinem Blog findest du viele Artikel rund um Regulation, Nervensystem, Antreiber, ADHS & Selbstfürsorge – ganz ohne Leistungsdruck.
➡️ Und hier geht es zur Startseite meiner Website: www.ninapayer.de





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