Warum du keine neue Disziplin brauchst, um dich zu verändern
- Nina Payer

- 16. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
... und was stattdessen hilft, wenn du schon alles versucht hast.

Wenn du nicht an dir arbeitest – wer dann?
Vielleicht kennst du diesen Gedanken. Dieses Gefühl, dass du „endlich mal konsequent“ sein musst. Dich endlich am Riemen reißen. Dass es doch nicht sein kann, dass du schon wieder aus dem Rhythmus gefallen bist. Schon wieder deinen Plan über den Haufen geworfen, obwohl du genau weißt, wie wichtig es wäre, dranzubleiben.
→ Willkommen im Club. Und willkommen in der Falle.
Denn was du wahrscheinlich nicht brauchst, ist noch mehr Disziplin. Was du brauchst, ist etwas ganz anderes: Verständnis für dein System. Und Strategien, die wirklich zu dir passen, statt gegen dich zu arbeiten.
Der Mythos von der Selbstdisziplin
Die Selbstoptimierungswelt liebt Disziplin. 5-Uhr-Morgens-Routinen. Eisbäder. 30-Tage-Challenges. Und ja – für einige mag das funktionieren. Aber: Neurodivergente, sensible oder erschöpfte Menschen haben andere Ausgangsbedingungen.
Wenn dein Nervensystem bereits im Dauer-Scan-Modus ist, wenn du ständig versuchst, nicht „zu viel“ zu sein oder nicht wieder alles zu versemmeln, dann ist Disziplin oft einfach nur ein anderes Wort für Selbstüberforderung. Ein Deckmantel für Druck. Ein Umweg ins nächste „Ich-hab’s-wieder-nicht-geschafft“-Loch.
Veränderung braucht Sicherheit, nicht Härte
Der eigentliche Schlüssel zur Veränderung ist nicht Disziplin. Es ist Verfügbarkeit.
Dein System muss erst einmal überhaupt in der Lage sein, Veränderung zu verarbeiten.
Wenn dein Nervensystem aber chronisch überfordert, überreizt oder im Shutdown ist, dann kannst du keine neuen Gewohnheiten integrieren – egal, wie motiviert du bist!
Es ist kein Willensproblem. Es ist ein Zugriffsproblem. Dein System schützt dich vor zusätzlichem Stress, vor dem Unbekannten, vor Versagen. Selbst dann, wenn du etwas unbedingt willst.
Was stattdessen hilft
1. Langsamer werden, um weiterzukommen
Veränderung braucht keinen Sprint, sondern einen Rhythmus, der zu deinem Nervensystem passt. Was heute möglich ist, ist vielleicht morgen zu viel – und umgekehrt. Das ist kein Rückschritt. Das ist Leben. Wir haben einfach nicht jeden Tag die gleichen Kapazitäten.
2. Mit dem System statt gegen es
Schaue dir einmal ganz genau an:
– Was stresst dich (auch unterschwellig)?
– Was bringt dich runter?
– Wann und wo fühlst du dich sicher → in deinem Körper, in deinem Alltag, in dir?
Das ist keine Wellness-Frage. Das ist Regulation.
3. Tiny Steps – aber wirklich tiny
Statt „Ab morgen mache ich jeden Tag ...“: Wie wäre es erstmal mit einmal pro Woche? Oder einmal alle zwei Wochen? Und wenn das schon zu viel ist: Nur beobachten, wann es leicht wäre. Auch das ist schon Veränderung.
Warum das kein „sich Ausreden“ ist
Vielleicht meldet sich jetzt deine innere Kritikerin. Die Stimme, die sagt:
„Aber man muss doch auch mal durchziehen!“ „So wirst du doch nie was erreichen!“ „Das ist doch nur bequem!“
Ich sag dir was: Diese Stimme ist oft ein alter Schutzmechanismus. Sie hat dich lange getragen, vielleicht durch Schule, Studium, Beruf, Alltag mit Kindern, Krankheit, Überforderung. Aber sie ist nicht deine Wahrheit. Und ganz sicher nicht deine Zukunft. 🤍
Was entsteht, wenn du aufhörst, dich zu zwingen
Wenn du aufhörst, dich zu zwingen, entsteht Raum. Für echte Motivation. Für kreative Lösungen. Für Dinge, die du nicht tust, weil du musst, sondern weil dein Körper und dein Inneres irgendwann wollen.
Ich erlebe das regelmäßig mit meinen Klientinnen: Wenn der Druck raus ist, kommt die Lust. Wenn das Nervensystem sich sicherer fühlt, entstehen von allein neue Bewegungen. Neue Entscheidungen. Neue Handlungsspielräume. Und ja, auch neue Routinen, aber eben nicht als Zwang. Sondern als Einladung.
Du brauchst keine neue Disziplin. Du brauchst ein anderes Verständnis von Veränderung.
Ein Verständnis, das nicht fragt: Warum kriege ich das nicht hin?
Sondern: Was brauche ich, um es überhaupt probieren zu können – und darf das auch leicht gehen?
Veränderung ist möglich. Aber nicht trotz deines Nervensystems, sondern nur Hand in Hand.
Du willst mehr darüber erfahren?
Auf meinem Blog findest du weitere Artikel rund um Neurodivergenz, Nervensystem und Selbstregulation. Vielleicht magst du hier weitermachen:
Schaue dich auch gerne auf meiner Website um: www.ninapayer.de





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