Was hat Hochsensibilität mit dem Nervensystem zu tun?
- Nina Payer

- 6. Juli 2022
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Apr.
Wenn du dich mit Hochsensibilität beschäftigst, kommst du am Nervensystem nicht vorbei. Die beiden Themen sind untrennbar verbunden — und das Verstehen dieser Verbindung verändert oft, wie man die eigene Hochsensibilität erlebt.

Warum hochsensible Menschen schneller ans Limit kommen
Hochsensible Menschen haben einen durchlässigeren neurologischen Filter. Das bedeutet: Mehr Reize aus der Außenwelt und aus dem Körperinneren gelangen ins Bewusstsein — Geräusche, Licht, Stimmungen anderer, eigene Gefühle, körperliche Empfindungen.
Das Nervensystem ist dadurch permanent mit mehr Input beschäftigt als bei nicht-hochsensiblen Menschen. Es fährt strukturell auf einem höheren Grundniveau. Nicht weil etwas falsch ist, sondern weil das die Art ist, wie es gebaut ist.
Das hat Konsequenzen: Die Kapazitätsgrenze ist früher erreicht. Die Erholungszeit nach Belastung ist länger. Und was andere als normale Alltagssituation erleben, kann für ein hochsensibles Nervensystem bereits eine echte Anforderung sein.
Der entscheidende Faktor: der Zustand des Nervensystems
Hier liegt etwas, das viele hochsensible Menschen erst spät verstehen und das vieles erklärt.
Wie intensiv ein Reiz erlebt wird, hängt nicht nur von der Hochsensibilität ab. Es hängt immer auch davon ab, in welchem Zustand sich das Nervensystem gerade befindet.
Kennst du das? Nach einer langen stressigen Woche bist du sehr erschöpft und stehst schon genervt auf, vielleicht kündigt sich auch noch eine Erkältung an - und da braucht es nur eine Kleinigkeit und du brichst in Tränen aus oder bekommst aus dem Nichts einen Wutanfall - zum Beispiel, weil die Milch für die Cornflakes leer ist. An anderen Tagen, an denen du dich ausgeruht und gut fühlst, würde dich die genau gleiche Situation vielleicht kaum berühren. Du würdest dich vielleicht kurz ärgern, zu einer Alternative greifen und später eine neue Packung Milch besorgen. Wenn es darum geht, wie belastend und stressig eine Situation von dir wahrgenommen wird, kommt es zu einem ganz beträchtlichen Teil darauf an, in welchem Zustand sich dein Nervensystem befindet.
Das ist kein Überreagieren. Das ist ein Nervensystem, das gerade wenig Puffer hat.
Und wenn dieser Zustand — zu wenig Puffer, zu viel Input, zu wenig Erholung — über längere Zeit anhält, entsteht etwas, das man als chronische Dysregulation bezeichnet. Das Nervensystem findet nicht mehr in den Ruhezustand zurück. Es bleibt im Alarm.
Von hochsensibel zu dysreguliert — ein kleiner Schritt
Der Übergang ist schleichend. Viele hochsensible Menschen funktionieren lange sehr gut — hochleistungsfähig, zuverlässig, präsent. Aber wenn zwischen den Belastungsphasen keine echte Erholung mehr gelingt, wenn das Herunterfahren nicht mehr klappt, dann führt dieser Weg irgendwann direkt in die Erschöpfung.
Und dann sind es nicht mehr nur intensive Situationen, die das Nervensystem überfordern — es reichen Kleinigkeiten. Eine unerwartete E-Mail. Ein Geräusch. Eine Frage zur falschen Zeit.
Das liegt nicht daran, dass du zu empfindlich bist. Es liegt daran, dass dein Nervensystem in einem Zustand ist, in dem es keine Kapazität mehr hat.
Wenn du das erkennst, verändert sich auch die Frage.
Nicht mehr: "Was stimmt mit mir nicht?"
Sondern: "Was braucht mein Nervensystem gerade?"
Was das für dich bedeutet
Hochsensibilität lässt sich nicht verändern und das muss sie auch nicht. Aber ein dysreguliertes Nervensystem kann sich regulieren lernen.
Das ist der Unterschied, der in meiner Arbeit eine Rolle spielt: Nicht die Hochsensibilität ist das Problem. Sondern der Zustand des Nervensystems, in dem du deine Hochsensibilität erlebst.
Wenn das Nervensystem wieder mehr Stabilität findet — mehr Puffer, mehr Sicherheitsgefühl, mehr Flexibilität — dann verändert sich auch das Erleben der eigenen Hochsensibilität. Die Wahrnehmungstiefe bleibt. Aber sie fühlt sich nicht mehr wie eine Bedrohung an.
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