Was ist das Interoception-System — und warum fällt es neurodivergenten Menschen so schwer, den eigenen Körper zu spüren?
- Nina Payer

- 24. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Du merkst oft erst, dass du Hunger hast, wenn du schon komplett gereizt und unterzuckert bist. Dass du müde bist, spürst du erst, wenn gar nichts mehr geht. Aber vielleicht hat das gar nichts mit dem Versagen von Achtsamkeit zu tun, sondern es gibt eine ganz andere Erklärung.

Was Interoception eigentlich ist
Wir alle kennen die fünf klassischen Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Sie richten sich nach außen, sie nehmen die Welt um uns herum wahr. Aber es gibt noch einen weiteren Sinn, über den kaum jemand spricht, obwohl er für unser Wohlbefinden mindestens genauso wichtig ist. Er richtet sich nach innen, und er heißt Interoception.
Interoception ist die Fähigkeit, die eigenen Körpersignale wahrzunehmen. Also zu spüren, was gerade in deinem Inneren passiert. Hunger und Sättigung, Durst, Müdigkeit, Harndrang, dein Herzschlag, deine Atmung, Anspannung, Wärme oder Kälte, und auch das körperliche Wahrnehmen von Emotionen, das Flattern bei Aufregung, die Enge bei Angst, die Schwere bei Traurigkeit.
Im Grunde ist Interoception die Sprache, in der dein Körper mit dir spricht. Über sie erfährst du, was du brauchst - oder was dir gerade gar nicht gut tut - oft lange bevor dein Verstand es in Worte fassen könnte.
Wie sich eine andere Interoception anfühlt
Bei vielen neurodivergenten Menschen funktioniert dieser innere Sinn anders. Nicht schlechter im Sinne von defekt, aber er ist anders kalibriert. Die Signale kommen oft nicht klar und rechtzeitig an, sondern verzögert, abgeschwächt oder erst dann, wenn sie schon so laut geworden sind, dass man sie wirklich nicht mehr überhören kann.
Das kann sich auf verschiedene Weisen zeigen. Manche Menschen nehmen ihre Körpersignale erst sehr spät wahr. Sie merken den Hunger erst, wenn sie schon zittrig und gereizt sind. Die Müdigkeit erst, wenn sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Den Toilettengang erst, wenn es wirklich dringend wird. Den Durst erst, wenn der Kopf schon schmerzt.
Andere erleben das Gegenteil, eine Art Überflutung, bei der Körpersignale so intensiv ankommen, dass sie kaum auszuhalten sind. Ein Etikett im Pullover, das sich anfühlt wie Schmirgelpapier. Ein voller Magen, der sich bedrohlich anfühlt. Der eigene Herzschlag, der so laut wird, dass er Panik auslöst.
Und manchmal ist es beides zugleich, taub für das eine, überempfindlich für das andere. 🤍
Warum das gerade bei ADHS und Autismus so häufig vorkommt
Dass Interoception bei Neurodivergenz oft anders arbeitet, hat mit der grundlegenden Art zu tun, wie das Nervensystem Reize verarbeitet und filtert.
Bei ADHS spielt die Aufmerksamkeitssteuerung eine große Rolle. Das Gehirn ist häufig nach außen gerichtet, auf das, was gerade interessant ist, oder es ist im Hyperfokus so vertieft, dass die leisen Signale von innen schlicht untergehen. Der Körper meldet zwar Hunger oder Müdigkeit, aber die Meldung dringt nicht durch, weil die Aufmerksamkeit ganz woanders ist. Erst wenn das Signal laut genug wird, um alles andere zu übertönen, kommt es an, und dann ist es oft schon ein Notruf.
Im Autismus-Spektrum ist die Reizverarbeitung insgesamt oft anders gewichtet. Manche innere Signale werden sehr stark wahrgenommen, andere kaum. Die Schwelle, ab der etwas überhaupt registriert wird, kann verschoben sein, in beide Richtungen.
Dazu kommt bei vielen noch etwas Erlerntes. Wer früh gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen, sich anzupassen, zu funktionieren, der hat oft auch gelernt, die Körpersignale zu überhören. Das fängt schon im Kindergarten an, wenn Stück für Stück die persönlichen körperlichen Grundbedürfnisse (Hunger, Durst, Toilettengang, Ruhebedürfnis etc.) an die Bedürfnisse der Gemeinschaft angepasst werden.
Wenn du jahrelang über deine Grenzen gegangen bist, weil es nötig schien, dann hast du dem Körper gewissermaßen beigebracht, dass seine Meldungen ohnehin nicht gehört werden. Und irgendwann meldet er sich nur noch dann, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Was das im Alltag bedeutet
Eine veränderte Interoception ist viel mehr als nur ein interessantes Phänomen. Sie hat ganz konkrete Folgen im Alltag, die oft missverstanden werden.
Wer Hunger erst spät spürt, isst unregelmäßig und wundert sich über plötzliche Stimmungstiefs oder Konzentrationseinbrüche, die in Wahrheit eigentlich nur Unterzucker sind. Wer Müdigkeit nicht rechtzeitig bemerkt, fährt immer weiter, bis das System irgendwann hart abschaltet und wundert sich dann über den Zusammenbruch. Wer Anspannung nicht früh wahrnimmt, merkt erst, dass er überlastet ist, wenn er schon mittendrin in der Überforderung steckt, viel zu spät, um noch gegenzusteuern.
Und weil das körperliche Wahrnehmen von Gefühlen (das Flattern bei Aufregung, die Enge bei Angst, die Schwere bei Traurigkeit) auch zur Interoception gehört, fällt es vielen schwer, ihre eigenen Emotionen früh zu erkennen. Man merkt dann nicht, dass sich Wut aufbaut, bis sie überkocht. Oder man spürt eine diffuse Unruhe, ohne benennen zu können, was sie eigentlich ist. Das macht Selbstregulation natürlich schwer, denn man kann nur regulieren, was man auch wahrnimmt.
Das ist wichtig zu verstehen, weil es so oft als Selbstvernachlässigung oder mangelnde Achtsamkeit ausgelegt wird. Dabei ist es kein Unwille und kein Charakterfehler. Es ist eine andere Art, wie der Körper seine Signale sendet.
Wie du wieder mehr Kontakt zu deinem Körper findest
Die gute Nachricht ist, dass Interoception sich verändern lässt. Sie ist keine feste, vorbestimmte Größe, sondern eine Fähigkeit, die man behutsam wieder stärken kann, wenn man ihr mehr Aufmerksamkeit schenkt.
Der erste Schritt ist meist, überhaupt zu verstehen, dass es nicht an mangelnder Disziplin liegt. Allein dieses Wissen nimmt viel Selbstvorwurf raus und macht es leichter, neugierig statt streng mit sich umzugehen.
Dann geht es darum, die leisen Signale wieder hörbarer zu machen, und zwar nicht durch noch mehr Druck, sondern durch sanfte, regelmäßige Aufmerksamkeit. Das kann ganz unspektakulär sein. Ein paar Mal am Tag kurz innehalten und nachspüren: Bin ich gerade hungrig, durstig, müde, angespannt? Nicht um etwas zu leisten, sondern um die Verbindung zu üben. Für viele ist es anfangs hilfreich, das an feste Momente zu koppeln, weil das spontane Drandenken ja gerade das Schwierige ist.
Manchmal hilft es auch, von außen zu unterstützen, was von innen schwer erkennbar ist. Feste Essenszeiten, statt auf den Hunger zu warten. Erinnerungen ans Trinken. Pausen, die eingeplant sind, statt auf das Signal zu warten, dass eine nötig wäre. Das ist kein Versagen, sondern ein kluger Umgang mit einem System, das seine Signale eben nicht zuverlässig von selbst sendet.
Und auf der tieferen Ebene ist genau das ein Kern von körperorientierter Nervensystemarbeit: wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper zu kommen, ihn als Verbündeten kennenzulernen statt als etwas, das man kontrollieren oder ignorieren muss. Je sicherer und regulierter sich dein System fühlt, desto eher trauen sich auch die leisen Signale wieder nach vorne.
Dein Körper spricht die ganze Zeit mit dir. Du darfst wieder lernen, ihm zuzuhören, in deinem Tempo, ohne Druck. 🤍
Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ob mit oder ohne Diagnose.
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