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Mentale Gesundheit ist kein Wellness — sie ist unsere wichtigste wirtschaftliche Ressource

Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren intensiv mit Transgenerationstrauma, mit den psychischen Folgen von Krieg und Flucht und mit dem bleiernen Mief der deutschen Nachkriegszeit. Und wenn man einmal verstanden hat, wie das Schweigen, die Verdrängung und die emotionale Taubheit der 50er und 60er Jahre bis in unsere Familien hineingewirkt haben, dann sieht man unsere Welt von heute mit anderen Augen.


In den letzten Wochen ist mir beim Verfolgen unserer politischen Debatten etwas klar geworden, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: Wir tragen diese alten Muster der Nachkriegszeit immer noch in unserer heutigen Wirtschaft und Politik mit uns herum. Und sie ruinieren gerade unsere wichtigste Ressource.



Der Mythos vom Wiederaufbau-Fleiß


Wenn wir heute in den Nachrichten hören, wie nach "mehr Fleiß", "mehr Überstunden" und "weniger Krankschreibungen" gerufen wird, dann ist das im Grunde ein Rückschritt. Ein hilfloser Versuch, ein komplexes Problem der Moderne mit den Parolen von 1955 zu lösen.


Nach dem Krieg gab es eine schlichte, lineare Formel: Wer 60 Stunden Steine klopft oder am Fließband steht, schafft sichtbaren Wohlstand. Aber dieses System funktionierte nur um einen sehr hohen Preis.


Und um zu verstehen, warum, muss man sich anschauen, was für die Menschen damals eigentlich auf dem Spiel stand. Da war zum einen das nackte Überleben im ganz materiellen Sinn. Es gab keine gefüllten Vorratskammern, keine sozialen Netze, wie wir sie heute kennen. Wer nicht arbeitete, hatte am Ende womöglich nichts zu essen und kein Dach über dem Kopf.


Funktionieren war in diesem Moment tatsächlich überlebensnotwendig, ganz ohne Übertreibung.

Aber da war noch eine zweite, viel leisere Ebene. Diese Generation hatte Dinge erlebt, für die es keine Worte gab. Krieg, Flucht, Gewalt, Verlust, oft mehrfach und ohne jede Pause. Und es gab niemanden, der das aufgefangen hätte. Keine Therapie, keine Sprache für Trauma, kein Umfeld, in dem man hätte fühlen dürfen, was da eigentlich passiert war. In so einer Lage ist das Weiterarbeiten, das Weitermachen, das Nicht-Stehenbleiben nicht nur Pflichtgefühl. Es ist Schutz. Solange man funktioniert, muss man nicht spüren. Solange die Hände beschäftigt sind, kommt das Entsetzen nicht hoch.


Aus Sicht des Nervensystems ergibt das vollkommen Sinn. Wenn ein Gefühl zu groß ist, um es zu verarbeiten, und gleichzeitig kein sicherer Raum da ist, um es zu halten, dann fährt das System die Gefühle einfach herunter. Es spaltet ab, macht dicht, schaltet auf Funktionieren. Das ist keine Schwäche und keine Kälte, sondern eine der klügsten Notlösungen, die uns zur Verfügung stehen. Sie hat diese Generation durch eine Zeit getragen, die kaum auszuhalten war.


Das Problem ist nur, dass so eine Überlebensstrategie nicht einfach verschwindet, wenn die Gefahr vorbei ist. Sie wird weitergegeben. An die Kinder, die spürten, dass man über bestimmte Dinge nicht spricht. An die Enkel, die den Satz "Stell dich nicht so an" und "Da musst du eben durch" wie selbstverständlich übernahmen, ohne zu wissen, woher er eigentlich kommt. So wurde aus einem Überlebensmechanismus mit der Zeit ein Glaubenssatz, der längst niemanden mehr schützt, sondern nur noch bremst.


Und genau dieses Diktat des Funktionierens um jeden Preis regiert bis heute mit. Denn es gestalten immer noch Menschen unsere Wirtschaft und Politik, die in genau diesem Geist aufgewachsen sind. Wenn ein Bundeskanzler stolz erzählt, dass in seiner Familie ein Brett mit der Aufschrift "The way to success: WORK" die Devise ist, dann zeigt das ziemlich deutlich, dass dieses alte Narrativ nach wie vor als heiliger Gral gilt.


Das große Missverständnis der modernen Arbeitswelt


Die heutige Arbeitswelt hat rein gar nichts mehr mit dem Arbeitsalltag der 50er oder 70er Jahre zu tun. Damals brauchte ein Brief drei Tage. Es gab feste Feierabende, man tippte auf der Schreibmaschine, und dazwischen lagen ganz automatisch kleine Inseln der Ruhe.


Heute ist das Gehirn eines Menschen im modernen Arbeitsalltag in einem permanenten Dauerfeuer aus Push-Nachrichten gefangen. Mails, Teams-Calls, Projekt-Tools, ständige Erreichbarkeit und eine extreme Verdichtung der Aufgaben sorgen dafür, dass unser Nervensystem den ganzen Tag im Sympathikus läuft, also im Kampf-oder-Flucht-Modus.


Und genau da liegt der Denkfehler. Wohlstand und Innovation entstehen in einer digitalen Wissensgesellschaft nicht mehr durch schiere Menge, nicht dadurch, dass möglichst viele Menschen möglichst lange vor dem Bildschirm sitzen. Sie entstehen durch Qualität, Kreativität, mentale Klarheit und ein reguliertes Nervensystem.


Ein dauergestresster, reizüberfluteter Mensch ist biologisch gar nicht in der Lage, kreativ zu denken oder komplexe Probleme zu lösen. Das ist keine Frage von Wollen oder nicht Wollen, das ist Neurobiologie. Wenn die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen also seit Jahren Rekordhöhen erreichen, dann ist das keine Bequemlichkeit und kein Mangel an Arbeitsmoral. Es ist das Stopp-Signal der Biologie.


Und dann kürzt das System ausgerechnet dort, wo es helfen würde


Man könnte jetzt meinen, dass wir auf diese Erkenntnis reagieren und Arbeitswelten so gestalten, dass sie dem menschlichen Nervensystem gerecht werden. Aber gerade passiert oft das genaue Gegenteil.


Der Zugang zu Therapieplätzen wird schwieriger statt leichter, während der Bedarf durch den Dauerstress im System riesig ist. Es wird über die Abschaffung der Krankschreibung ab dem dritten Tag diskutiert, was genau das alte, misstrauische Narrativ widerspiegelt: Wer nicht arbeitet, ist faul oder stellt sich nur an. Und bei der Prävention, also genau da, wo man ansetzen müsste, wird gespart. Und dann wundern wir uns, dass die Wirtschaft stagniert und die Burnout-Zahlen weiter steigen.


Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Auto, dessen Motor überhitzt und raucht, einfach das Warnlämpchen im Armaturenbrett herausdrehen und dann verlangen, dass es gefälligst schneller fährt.


Andere ziehen an uns vorbei, und wir verwalten uns zu Tode


Man hört es ja überall. Deutschland stagniert, andere ziehen davon, wir verlieren den Anschluss. Und in Teilen stimmt das auch. Aber die spannende Frage ist doch, woran es wirklich liegt, und ich glaube, auch hier stecken die alten Muster der Nachkriegszeit noch drin.


Diese Zeit war geprägt von einer tiefen Angst vor dem Chaos. Nach allem, was zusammengebrochen war, wollte man nie wieder Kontrollverlust erleben, nie wieder Unsicherheit. Und aus dieser Angst heraus ist etwas entstanden, das uns bis heute prägt: ein riesiger Apparat, der alles absichern, stempeln und verwalten muss. Für jedes Risiko ein Formular, für jede Entscheidung eine Zuständigkeit, für jede Möglichkeit des Scheiterns eine entsprechende Regel.


Das ist genau das, was ein Nervensystem im Dauerstress auf gesellschaftlicher Ebene tut. Ein System, das sich nicht sicher fühlt, sucht Kontrolle. Es will alles vorher wissen, alles regeln, nichts dem Vertrauen überlassen. Genau das erleben wir als Land. Wir sichern uns lieber dreifach ab, als einmal mutig zu handeln.


Und genau da werden die Unterschiede zu anderen sichtbar. In den USA heißt es "fail fast, learn faster", scheitere schnell und lerne noch schneller. In China gilt pragmatische Geschwindigkeit. In Deutschland dagegen gilt oft: Hauptsache, das Formular B38 ist dreifach ausgefüllt und am Ende trägt bloß niemand die Verantwortung, falls doch etwas schiefgeht. Das ist keine Frage von Intelligenz oder Fleiß. Es ist eine Frage der Angst.


Und hier schließt sich der Kreis zum eigentlichen Thema. Wir verwechseln nämlich Bürokratie und Beschäftigung mit echtem Fortschritt. Wir arbeiten uns durchaus zu Tode, aber eben an den falschen Dingen, an veralteten Strukturen, an Formularen, an einer Infrastruktur, die gleichzeitig kaputtgespart und totverwaltet wurde. Die Energie ist ja da. Sie versickert nur in einem System, das mehr mit dem Verwalten der Vergangenheit beschäftigt ist als mit dem Gestalten der Zukunft.


Es geht also gar nicht darum, noch mehr zu leisten. Es geht darum, unsere Kraft endlich in das zu stecken, was wirklich trägt. Und dazu braucht es Menschen, die klar denken können, statt erschöpft zu funktionieren, und ein System, das ihnen das ermöglicht.


Mentale Gesundheit ist die Wirtschaftskraft der Zukunft


Wir müssen aufhören, den Schutz der mentalen Gesundheit als Wellness abzutun, als Bequemlichkeit oder als Luxusgut für gute Zeiten.


Ein reguliertes, gesundes Nervensystem ist im 21. Jahrhundert die härteste wirtschaftliche Währung, die ein Land überhaupt besitzen kann. Nicht Durchhalten bis zum Kollaps, sondern die Fähigkeit, klar zu denken, kreativ zu sein und gute Entscheidungen zu treffen, und das geht nur mit einem System, das nicht permanent im Alarm steht.


Wenn wir den Anschluss an die Moderne nicht verlieren wollen, dann müssen wir die alten Glaubenssätze der Nachkriegszeit endlich dort lassen, wo sie hingehören: in den Geschichtsbüchern. Wir brauchen keine Kultur des Durchhaltens bis zum Zusammenbruch, sondern kluge Systeme, ehrlichen Schutz vor Überlastung und das schlichte Einverständnis, dass der Mensch keine Maschine ist.


Der Mief von damals hat lange genug nachgewirkt. Es wird wirklich Zeit zum Durchlüften.

Und weil dieses alte "Stell dich nicht so an" ja nicht nur in der großen Politik steckt, sondern in fast jedem von uns: Wo begegnet dir dieser Satz noch in deinem Alltag? Und was tust du heute, um deine eigene mentale Gesundheit zu schützen?

Ich freue mich, wenn du mir in den Kommentaren davon erzählst.


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Nina Payer | Coaching

Psychologische Beraterin & Personal Coach

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