„Keine Zeit für Nervensystemarbeit" — Was wirklich dahintersteckt
- Nina Payer

- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
„Ich weiß, ich muss etwas ändern. Aber gerade habe ich wirklich keine Zeit dafür."
Kommt dir das bekannt vor? Was, wenn dieser Gedanke selbst schon ein Zeichen deines Nervensystems ist?

Der richtige Moment – der nie kommt
Vor einer Weile sagte mir eine Frau im Erstgespräch etwas, das ich seitdem immer mal wieder höre: „Ich spüre, dass ich dringend etwas für mein Nervensystem tun muss. Aber im Moment habe ich dafür wirklich keine Zeit."
Ich kann diesen Gedanken gut verstehen. Gerade dann, wenn das Nervensystem schon lange dysreguliert ist und der Alltag sich wie ein Dauerlauf anfühlt, bei dem man nie wirklich ankommt, fehlt die Kapazität für noch eine weitere Aufgabe. Das ist absolut real.
Aber wenn man ehrlich hinschaut, stellt sich eine Frage: Wird denn dieser Moment irgendwann kommen? Der Moment, in dem genug Zeit da ist, in dem alles ruhiger ist, in dem man endlich anfangen kann?
Morgen sieht der Kalender aus wie heute. Und übermorgen auch.
Ist es wirklich ein Zeitproblem?
Manchmal schon. Aber meistens steckt mehr dahinter.
Denn wenn wir genauer hinschauen, finden wir oft etwas anderes unter dem Zeitargument. Die Frage, ob man sich selbst überhaupt priorisieren darf. Ob das nicht egoistisch ist. Ob die eigenen Bedürfnisse wirklich wichtig genug sind, um ihnen Raum zu geben, während gleichzeitig so vieles und so viele andere warten.
Viele Frauen haben gelernt, sich selbst ans Ende der Liste zu setzen. Nicht weil sie es wollen, sondern weil es sich so eingeprägt hat, dass es sich längst normal anfühlt. Und ein Nervensystem, das das verinnerlicht hat, wird keinen Alarm schlagen, wenn man sich selbst wieder hintenanstellt. Es kennt das. Es hält das für sicher.
Was Veränderung im Nervensystem auslöst
Aber da ist noch etwas anderes, das selten ausgesprochen wird: die Angst vor dem, was passiert, wenn man wirklich anfängt.
Denn Nervensystemarbeit verändert etwas. Es geht nämlich nicht nur um Techniken oder Routinen, sondern um die Art, wie man sich selbst erlebt, wie man auf andere reagiert, was man bereit ist zu tolerieren und was nicht mehr. Das klingt nach Erleichterung, und das ist es auch. Aber es ist gleichzeitig unbekanntes Terrain.
Wer bin ich, wenn ich aufhöre, mich ständig anzupassen? Wie reagiert mein Umfeld, wenn ich anfange, Grenzen zu setzen? Was, wenn sich etwas verändert, das ich eigentlich nicht verändern wollte?
Das sind keine irrationalen Fragen. Das sind die Fragen, die ein Nervensystem stellt, das Neues grundsätzlich erst einmal als unsicher bewertet. So wie es bisher lief, hat man überlebt. Das Neue ist unbekannt. Und Unbekanntes könnte gefährlich sein.
Also sorgt das Nervensystem dafür, dass alles bleibt, wie es ist. Und „dafür habe ich gerade keine Zeit" ist eine der wirksamsten Strategien dafür, weil sie so vernünftig klingt.
Was wirklich passiert, wenn man anfängt
Das Paradoxe ist, dass Nervensystemarbeit nicht mehr Zeit kostet, sondern langfristig mehr Kapazität freisetzt.
Ein Nervensystem, das dauerhaft im Überlebensmodus läuft, verbraucht enorm viel Energie, auch wenn nach außen hin alles funktioniert. Wenn sich das verändert, wenn das System lernt, dass es sich in mehr Situationen sicher fühlen darf, entsteht Raum. Für Entscheidungen, die sich wirklich richtig anfühlen. Für Reaktionen, die nicht aus dem Alarm kommen. Für Momente, in denen man tatsächlich erholt ist, statt nur kurz pausiert zu haben.
Und Nervensystemarbeit im Alltag braucht nicht jeden Tag mehrere Stunden, sondern Bewusstsein, in den Momenten, die ohnehin schon da sind. Wie reagiere ich gerade? Was spüre ich in meinem Körper? Was brauche ich jetzt, in diesem Moment? Was fühlt sich gerade gar nicht stimmig an?
Das sind keine Zusatzaufgaben. Das ist eine andere Art, mit dem eigenen System in Kontakt zu sein.
Sich selbst ernst nehmen, als Ausgangspunkt
Wenn du merkst, dass der richtige Moment nie zu kommen scheint, lohnt es sich, nicht den Kalender anzuschauen, sondern die Frage dahinter: Nehme ich mich selbst ernst genug, um anzufangen?
Nicht, weil du es verdient haben musst oder weil du erst erschöpft genug sein musst. Sondern einfach weil dein System einen anderen Grundzustand kennenlernen darf, einen, in dem es nicht permanent auf der Hut ist.
Das beginnt nicht mit einem großen Schritt, sondern mit einem kleinen: der Entscheidung, hinzuschauen.
Wenn du dich in vielem, was hier beschrieben wird, wiedererkennst, wenn das Gefühl des Andersseins, der chronischen Überanstrengung und des „Nicht-Ankommens" vertraut ist, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
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