Mythos: Ein dysreguliertes Nervensystem ist krank
- Nina Payer

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Warum Aktivierung und Rückzug keine Fehler sind – sondern Schutz
Wenn Menschen hören, ihr Nervensystem sei „dysreguliert“ und klingt das schnell nach einem Defekt oder einer Störung. Nach etwas, das irgendwie repariert werden muss.
Doch aus nervensystemischer Sicht ist das eine Verkürzung. Ein Nervensystem ist nicht krank, nur weil es zwischen verschiedenen Zuständen wechselt. Im Gegenteil: Genau dieses hin und her wechseln ist seine Aufgabe.
Problematisch ist nicht die Aktivierung oder der Rückzug an sich, sondern wenn wir in einem dieser Zustände feststecken.

Wozu wir Sympathikus und dorsalen Parasympathikus überhaupt haben
Unser autonomes Nervensystem kennt grob gesagt drei relevante Organisationszustände:
Ventraler Parasympathikus → Sicherheit, Verbindung, soziale Offenheit
Sympathikus → Aktivierung, Energie, Handlungsbereitschaft
Dorsaler Parasympathikus → Rückzug, Abschalten, Energiesparen
In vielen populären Darstellungen wird nur der ventrale Zustand als „gut“ beschrieben. Alles andere gilt als Dysregulation. Aber das ist biologisch falsch, denn alle diese Zustände existieren, weil sie evolutionär sinnvoll sind.
Der Sympathikus ist nicht dein Feind, sondern dein Motor
Der Sympathikus ist der Aktivierungsmodus. Er sorgt dafür, dass du:
morgens aus dem Bett kommst
konzentriert arbeitest
Sport treibst
dich in einer Prüfung fokussierst
in einer Gefahrensituation schnell reagierst
für dein Kind da bist, wenn es Unterstützung braucht
Ohne Sympathikus gäbe es keine Leistungsfähigkeit, keine Durchsetzungskraft, keine Handlung.
Er ist nicht das Problem, aber er wird ein Problem, wenn er dauerhaft hochgefahren bleibt.
Zum Beispiel bei:
chronischer Überforderung
permanentem Zeitdruck
innerem Antreiber
Reizüberflutung
ununterbrochener Verantwortung
Dann wird aus sinnvoller Aktivierung eine Daueranspannung.
Der dorsale Parasympathikus ist auch mehr als „Shutdown“
Der dorsale Parasympathikus wird oft vorschnell als „Abschalten“ oder „Zusammenbruch“ beschrieben. Doch auch dieser Zustand hat eine Funktion.
Er ermöglicht:
Tiefschlaf
Regeneration
Energiesparen bei Überlastung
emotionale Betäubung in extremen Situationen
kurzfristigen Schutz bei Überforderung
In akuten Extremsituationen – etwa bei überwältigender Angst oder Ohnmacht – kann dieser Modus sogar lebensrettend sein. Er reduziert Schmerzempfinden, fährt Energie herunter und schützt das System vor völliger Überflutung.
Auch hier gilt: Nicht der Zustand ist krankhaft, problematisch wird es erst, wenn das System nicht mehr selbstständig zurückfindet.
Was bedeutet „dysreguliert“ dann überhaupt?
Dysregulation heißt nicht, dass dein Nervensystem falsch arbeitet. Es bedeutet, dass es Schwierigkeiten hat, flexibel zwischen Zuständen zu wechseln.
Ein reguliertes Nervensystem kann, wenn es die Situation erfordert:
aktivieren und wieder herunterfahren
sich engagieren und wieder lösen
sich zurückziehen und wieder auftauchen
Stress erleben und danach regenerieren
Ein dysreguliertes Nervensystem hingegen:
bleibt im Alarmmodus hängen
rutscht schnell in Überforderung
kippt abrupt in Erschöpfung
findet nur schwer in Verbindung oder Sicherheit
Das ist kein moralisches Versagen oder mentale Schwäche, sondern ein Anpassungsversuch unter schwierigen Bedingungen.
Warum viele sensible und neurodivergente Menschen sich „chronisch dysreguliert“ fühlen
Ein sensibles oder neurodivergentes Nervensystem verarbeitet mehr Reize, schneller und intensiver.
Das bedeutet:
höhere Grundaktivierung
schnellere Erschöpfung
stärkere Stressreaktionen
größere Schwankungen zwischen Hochphase und Rückzug
Wenn dann zusätzlich:
hormonelle Veränderungen
hohe Alltagsanforderungen
Masking und soziale Anpassung
alte Stressmuster
hinzukommen, kann das System länger in Sympathikus oder dorsalem Zustand verweilen.
Nicht weil es krank ist, sondern weil es versucht, dich zu schützen.
Wann wird es problematisch?
Nicht die Aktivierung ist das Problem und auch nicht der Rückzug.
Problematisch wird es, wenn:
du dauerhaft im Alarmmodus bist
dein Körper nicht mehr in Ruhe kommt
Erschöpfung chronisch wird
Verbindung sich unerreichbar anfühlt
du kaum noch Zugang zu Sicherheit oder sozialer Offenheit findest
Dann geht es gar nicht darum, einen Zustand zu verbieten, sondern darum, dem System wieder Flexibilität zu ermöglichen.
Regulation heißt nicht: Immer entspannt sein
Ein reguliertes Nervensystem ist nicht dauerhaft ruhig, sondern beweglich und flexibel.
Es darf:
in stressigen Phasen aktiviert sein
in anstrengenden Zeiten erschöpft reagieren
in belastenden Momenten Schutzmechanismen nutzen
Entscheidend ist, ob es anschließend wieder zurückfindet in Ruhe- und Erholungsmodus.
Regulation ist keine Dauerentspannung, sie ist Anpassungsfähigkeit.
Also, wenn du ein dysreguliertes Nervensystem hast, dann bist du nicht krank! Dein System hat nur lange versucht, dich zu schützen. Sympathikus und dorsaler Parasympathikus sind Schutzprogramme und es geht nicht darum, wie du diese Zustände loswirst.
Die Frage ist eher: „Wie kann mein System lernen, wieder flexibel zu werden?“
Und genau dort beginnt echte Nervensystemarbeit.
Wenn du dein Nervensystem besser verstehen möchtest, findest du auf meinem Blog und meiner Website weitere Artikel rund um Regulation, Neurodivergenz, Erschöpfung und verkörperte Veränderung – vielleicht ist genau dort der nächste Impuls für dein System dabei. Schau dich gerne um! 🤍




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