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Mythos: Ein dysreguliertes Nervensystem ist krank

Warum Aktivierung und Rückzug keine Fehler sind – sondern Schutz


Wenn Menschen hören, ihr Nervensystem sei „dysreguliert“ und klingt das schnell nach einem Defekt oder einer Störung. Nach etwas, das irgendwie repariert werden muss.


Doch aus nervensystemischer Sicht ist das eine Verkürzung. Ein Nervensystem ist nicht krank, nur weil es zwischen verschiedenen Zuständen wechselt. Im Gegenteil: Genau dieses hin und her wechseln ist seine Aufgabe.


Problematisch ist nicht die Aktivierung oder der Rückzug an sich, sondern wenn wir in einem dieser Zustände feststecken.



Wozu wir Sympathikus und dorsalen Parasympathikus überhaupt haben


Unser autonomes Nervensystem kennt grob gesagt drei relevante Organisationszustände:

  • Ventraler Parasympathikus → Sicherheit, Verbindung, soziale Offenheit

  • Sympathikus → Aktivierung, Energie, Handlungsbereitschaft

  • Dorsaler Parasympathikus → Rückzug, Abschalten, Energiesparen


In vielen populären Darstellungen wird nur der ventrale Zustand als „gut“ beschrieben. Alles andere gilt als Dysregulation. Aber das ist biologisch falsch, denn alle diese Zustände existieren, weil sie evolutionär sinnvoll sind.


Der Sympathikus ist nicht dein Feind, sondern dein Motor


Der Sympathikus ist der Aktivierungsmodus. Er sorgt dafür, dass du:

  • morgens aus dem Bett kommst

  • konzentriert arbeitest

  • Sport treibst

  • dich in einer Prüfung fokussierst

  • in einer Gefahrensituation schnell reagierst

  • für dein Kind da bist, wenn es Unterstützung braucht


Ohne Sympathikus gäbe es keine Leistungsfähigkeit, keine Durchsetzungskraft, keine Handlung.

Er ist nicht das Problem, aber er wird ein Problem, wenn er dauerhaft hochgefahren bleibt.


Zum Beispiel bei:

  • chronischer Überforderung

  • permanentem Zeitdruck

  • innerem Antreiber

  • Reizüberflutung

  • ununterbrochener Verantwortung


Dann wird aus sinnvoller Aktivierung eine Daueranspannung.


Der dorsale Parasympathikus ist auch mehr als „Shutdown“


Der dorsale Parasympathikus wird oft vorschnell als „Abschalten“ oder „Zusammenbruch“ beschrieben. Doch auch dieser Zustand hat eine Funktion.


Er ermöglicht:

  • Tiefschlaf

  • Regeneration

  • Energiesparen bei Überlastung

  • emotionale Betäubung in extremen Situationen

  • kurzfristigen Schutz bei Überforderung


In akuten Extremsituationen – etwa bei überwältigender Angst oder Ohnmacht – kann dieser Modus sogar lebensrettend sein. Er reduziert Schmerzempfinden, fährt Energie herunter und schützt das System vor völliger Überflutung.


Auch hier gilt: Nicht der Zustand ist krankhaft, problematisch wird es erst, wenn das System nicht mehr selbstständig zurückfindet.


Was bedeutet „dysreguliert“ dann überhaupt?


Dysregulation heißt nicht, dass dein Nervensystem falsch arbeitet. Es bedeutet, dass es Schwierigkeiten hat, flexibel zwischen Zuständen zu wechseln.


Ein reguliertes Nervensystem kann, wenn es die Situation erfordert:

  • aktivieren und wieder herunterfahren

  • sich engagieren und wieder lösen

  • sich zurückziehen und wieder auftauchen

  • Stress erleben und danach regenerieren


Ein dysreguliertes Nervensystem hingegen:

  • bleibt im Alarmmodus hängen

  • rutscht schnell in Überforderung

  • kippt abrupt in Erschöpfung

  • findet nur schwer in Verbindung oder Sicherheit


Das ist kein moralisches Versagen oder mentale Schwäche, sondern ein Anpassungsversuch unter schwierigen Bedingungen.


Warum viele sensible und neurodivergente Menschen sich „chronisch dysreguliert“ fühlen


Ein sensibles oder neurodivergentes Nervensystem verarbeitet mehr Reize, schneller und intensiver.


Das bedeutet:

  • höhere Grundaktivierung

  • schnellere Erschöpfung

  • stärkere Stressreaktionen

  • größere Schwankungen zwischen Hochphase und Rückzug


Wenn dann zusätzlich:

  • hormonelle Veränderungen

  • hohe Alltagsanforderungen

  • Masking und soziale Anpassung

  • alte Stressmuster


hinzukommen, kann das System länger in Sympathikus oder dorsalem Zustand verweilen.

Nicht weil es krank ist, sondern weil es versucht, dich zu schützen.


Wann wird es problematisch?


Nicht die Aktivierung ist das Problem und auch nicht der Rückzug.


Problematisch wird es, wenn:

  • du dauerhaft im Alarmmodus bist

  • dein Körper nicht mehr in Ruhe kommt

  • Erschöpfung chronisch wird

  • Verbindung sich unerreichbar anfühlt

  • du kaum noch Zugang zu Sicherheit oder sozialer Offenheit findest


Dann geht es gar nicht darum, einen Zustand zu verbieten, sondern darum, dem System wieder Flexibilität zu ermöglichen.


Regulation heißt nicht: Immer entspannt sein


Ein reguliertes Nervensystem ist nicht dauerhaft ruhig, sondern beweglich und flexibel.


Es darf:

  • in stressigen Phasen aktiviert sein

  • in anstrengenden Zeiten erschöpft reagieren

  • in belastenden Momenten Schutzmechanismen nutzen


Entscheidend ist, ob es anschließend wieder zurückfindet in Ruhe- und Erholungsmodus.

Regulation ist keine Dauerentspannung, sie ist Anpassungsfähigkeit.


Also, wenn du ein dysreguliertes Nervensystem hast, dann bist du nicht krank! Dein System hat nur lange versucht, dich zu schützen. Sympathikus und dorsaler Parasympathikus sind Schutzprogramme und es geht nicht darum, wie du diese Zustände loswirst.

Die Frage ist eher: „Wie kann mein System lernen, wieder flexibel zu werden?“

Und genau dort beginnt echte Nervensystemarbeit.


Wenn du dein Nervensystem besser verstehen möchtest, findest du auf meinem Blog und meiner Website weitere Artikel rund um Regulation, Neurodivergenz, Erschöpfung und verkörperte Veränderung – vielleicht ist genau dort der nächste Impuls für dein System dabei. Schau dich gerne um! 🤍

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Nina Payer | Coaching

Psychologische Beraterin & Personal Coach

Fachberaterin für Hochsensibilität

Nervensystem Coach (NESC)

Hypnose-Coach

Entspannungstherapeutin

© 2025 Nina Payer Coaching

Körperorientiertes Nervensystem-Coaching & Hypnose Coaching

Online & in Präsenz in Cölbe bei Marburg für den

Raum Marburg-Biedenkopf, Gießen und Umgebung.

Praxisräume:

Fliederweg 6, 35091 Cölbe

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