Das "funktionierende" Nervensystem - wie Leistung Dysregulation maskiert.
- Nina Payer

- vor 1 Minute
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Viele Menschen kommen nicht zu mir, weil sie „zusammengebrochen“ sind. Sie kommen, weil sie funktionieren. Vielleicht zu gut...
Sie arbeiten, organisieren, denken mit, halten durch. Sie sind zuverlässig, reflektiert, leistungsfähig. Und gleichzeitig erschöpft, innerlich unruhig oder merkwürdig leer. Oft mit dem irritierenden Gefühl: Eigentlich habe ich doch alles im Griff – warum fühlt es sich trotzdem so anstrengend an?
Die Antwort liegt häufig nicht im Verhalten, sondern im Nervensystem.

Wenn Dysregulation nicht auffällt
Dysregulation wird oft mit Chaos gleichgesetzt: mit emotionalen Ausbrüchen, Kontrollverlust, Rückzug, offensichtlicher Überforderung.
Doch es gibt eine andere Form, die sehr verbreitet, sehr anerkannt ist und gesellschaftlich sogar belohnt wird: die funktionale Dysregulation.
Ein Nervensystem kann hochaktiv, angespannt und überfordert sein und trotzdem erstmal leistungsfähig bleiben. Manchmal über Jahre. Nach außen wirkt alles stabil. Innen jedoch läuft ein anderes Programm.
Leistung als Regulationsersatz
Leistung kann für das Nervensystem eine regulierende Funktion übernehmen. Nicht im Sinne von echter Regulation und Entspannung, sondern als Kompensation.
Typisch dafür sind Muster wie:
hohes Tempo, ständige Aktivität
klare Strukturen, Kontrolle, Planbarkeit
starkes Verantwortungsgefühl
Fokus auf Funktionieren statt Fühlen
innere Ruhe nur, wenn „alles erledigt“ ist
Solange die Leistung aufrechterhalten wird, bleibt das System scheinbar ruhig. Nicht, weil es reguliert ist, sondern weil es beschäftigt ist.
Warum sich das oft „stabil“ anfühlt
Viele beschreiben diese Phasen als:
„Da lief es eigentlich ganz gut“
„Ich war produktiv und motiviert“
„Besser als vorher zumindest“
Und das stimmt auch – im Vergleich zu einem offenen Zusammenbruch.
Oft handelt es sich dabei um leistungsgetragene Hochphasen: angefeuert von Motivation, Dopamin, Vision oder dem inneren Antreiber.
Das Nervensystem ist fokussiert, gebündelt, zielgerichtet. Reize werden ausgeblendet, Warnsignale übergangen. Das fühlt sich stabil an, ist es aber nicht im eigentlichen Sinn.
Denn die Organisation des Systems bleibt leistungsgetrieben. Und das kostet auf Dauer extrem viel Energie.
Der innere Antreiber wird leise – nicht entmachtet
In solchen Phasen ist der innere Antreiber oft erstaunlich ruhig. Nicht, weil er seine Macht verloren hat. Sondern weil er zufrieden mit dir ist! Die Erwartungen – von innen und außen – werden erfüllt. Du bist „gut unterwegs“. Du funktionierst. Du bist nützlich. Das gefällt dem Antreiber, er hat nichts zu meckern.
Das Nervensystem signalisiert kurzfristig Entlastung. Langfristig jedoch bleibt die Grundspannung bestehen.
Warum diese Phasen irgendwann kippen
Ein funktionierendes, aber dysreguliertes Nervensystem lebt von Ressourcen, die endlich sind.
Irgendwann:
lässt die Motivation nach
bricht der Fokus weg
wird der Alltag wieder zu viel
melden sich Körper oder Psyche
Und dann geht es oft schnell: Erschöpfung. Überforderung. Rückzug. Schuldgefühle.
Nicht selten mit dem Gedanken: Warum passiert mir das immer wieder? Was stimmt denn mit mir nicht?
Die Antwort ist unbequem, aber entlastend: Weil es vorher gar keine echte Regulation war, sondern ein gut organisierter Ausnahmezustand.
Echte Regulation fühlt sich anders an
Ein reguliertes Nervensystem ist nicht permanent leistungsfähig. Es ist flexibel.
Es kann:
aktiv sein und wieder runterfahren
sich anstrengen und sich regenerieren
fühlen, ohne sofort handeln zu müssen
Pausen zulassen, ohne Angst vor Kontrollverlust
Das fühlt sich oft weniger spektakulär an als eine Hochphase. Aber nachhaltiger. Ruhiger. Und vor allem verlässlicher.
Warum gerade neurodivergente Menschen betroffen sind
Viele neurodivergente Frauen (z. B. mit ADHS, ASS oder hoher Sensibilität) entwickeln früh leistungsbasierte Kompensationsstrategien. Nicht, weil sie besonders ehrgeizig sind, sondern weil ihr Nervensystem mehr Reize verarbeitet und schneller an Grenzen kommt.
Leistung wird dann zur Möglichkeit:
sich zu strukturieren
sich zu fokussieren
sich selbst zu regulieren
Solange das funktioniert, bleibt die Dysregulation unsichtbar, auch für die Betroffenen selbst.
Der Perspektivwechsel: Nicht „Warum breche ich ein?“ sondern: "Was hat mich bisher überhaupt aufrechterhalten? Und zu welchem Preis?"
Ein hilfreicher Blick ist oft nicht der auf den Zusammenbruch, sondern auf die Zeit davor.
Was hat dich stabil gehalten?
Wovon hast du gezehrt?
Was durftest du in dieser Phase nicht fühlen?
Es geht hierbei nicht um Selbstkritik, sondern um Verständnis.
Ein funktionierendes Nervensystem ist nicht automatisch ein reguliertes Nervensystem. Leistung kann Dysregulation lange maskieren, aber sie ersetzt keine Sicherheit.
Echte Regulation beginnt dort, wo dein System nicht mehr nur funktioniert, sondern sich auch erholen darf, ohne erst zusammenzubrechen.
Und manchmal ist genau das der leise Wendepunkt: Nicht noch besser zu funktionieren, sondern ehrlich hinzuschauen, wie du es tust und vor allem: Was es dich kostet.
Wenn dich dieses Thema berührt, findest du auf meiner Website weitere Artikel rund um Nervensystemregulation, Neurodivergenz, Erschöpfung und verkörperte Veränderung.
Vielleicht ist genau der nächste Impuls dabei, der dein System wirklich entlastet.





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