Was passiert im Gehirn während der Hypnose? Eine körperorientierte Erklärung.
- Nina Payer

- vor 17 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Die einen erwarten ein Pendel, einen Fingerschnips und völlige Willenlosigkeit. Die anderen halten das Ganze für Humbug. Was in Hypnose wirklich passiert, ist weniger mystisch und viel interessanter als der Ruf, gerade für ein Nervensystem, das immer auf der Hut ist.

Erst einmal: Was Hypnose alles nicht ist
Bevor wir ins Gehirn schauen, lohnt es sich, mit ein paar hartnäckigen Bildern aufzuräumen. Denn die meisten Vorstellungen von Hypnose stammen aus dem Fernsehen oder von der Bühne, und die haben mit dem, was wirklich passiert, ziemlich wenig zu tun.
Du wirst in Hypnose nicht bewusstlos, du schläfst nicht, und du bist auch nicht willenlos jemandem ausgeliefert. Niemand kann dich dazu bringen, Dinge zu tun, die du nicht willst. Du bekommst die ganze Zeit mit, was passiert, du kannst reden, du kannst jederzeit die Augen öffnen, und du bleibst durchgehend du selbst. Hypnose ist kein Kontrollverlust. Sie ist, wenn man so will, sogar eher das Gegenteil, ein Zustand, in dem du innerlich sehr präsent bist.
Und sie ist auch keine Esoterik. Hypnose ist ein gut untersuchter, messbarer Zustand des Gehirns. Große Fachverbände wie die Amerikanische Psychologische Gesellschaft erkennen sie als seriöses Verfahren an, und die letzten zwanzig Jahre Hirnforschung haben ziemlich genau gezeigt, was dabei im Kopf passiert.
Was Hypnose eigentlich ist
Am ehesten lässt sich Hypnose als ein Zustand hochkonzentrierter, nach innen gerichteter Aufmerksamkeit beschreiben. Der Körper ist dabei meist tief entspannt, während der Geist gleichzeitig sehr fokussiert ist. Vielleicht kennst du etwas Ähnliches aus dem Alltag, dieses Versinken in einem guten Buch, in dem du die Welt um dich herum vergisst. Oder die Phase kurz vor dem Einschlafen, in der die Gedanken weicher und bildhafter werden. Oder die Autofahrt, bei der du plötzlich zu Hause ankommst und dich kaum an die Strecke erinnerst.
Das sind alles kleine, natürliche Trancezustände. Hypnose macht sich genau diese Fähigkeit deines Gehirns zunutze, nur gezielt und begleitet.
Was dabei im Gehirn passiert
Jetzt wird es spannend, denn die Hirnforschung, unter anderem die viel beachteten Arbeiten von David Spiegel¹ an der Stanford University, hat gezeigt, dass sich in Hypnose vor allem drei Dinge im Gehirn verändern. Und alle drei sind für unser Thema hochinteressant.
Der innere Kritiker wird leiser.
In deinem Gehirn gibt es ein Netzwerk, das für all das ständige Nachdenken über dich selbst zuständig ist, das Grübeln, das Sich-Sorgen, den inneren Kommentar, der fast pausenlos mitläuft. Fachleute nennen es das Ruhezustandsnetzwerk oder Default Mode Network. Es ist genau das, was aktiv ist, wenn du über die Vergangenheit grübelst, dir Sorgen um die Zukunft machst oder dich selbst beobachtest und bewertest. In Hypnose verändert sich die Aktivität dieses Netzwerks. Der ständige Selbstkommentar tritt in den Hintergrund. Dieser innere Kritiker, der sonst alles überwacht, wird leiser.
Die Verbindung zwischen Steuerung und Körper wird stärker.
Gleichzeitig verstärkt sich die Verbindung zwischen dem Bereich, der für bewusste Steuerung zuständig ist, und dem Bereich, der dein Körperinneres wahrnimmt. Vereinfacht gesagt: Kopf und Körper kommen enger in Kontakt miteinander. Genau das macht Hypnose auch zu einem körperorientierten Zustand und passt deshalb so gut zu einer Arbeit, die den Körper ernst nimmt.
Die Außenwelt tritt in den Hintergrund.
Und drittens nimmt die Verarbeitung äußerer Reize ab. Geräusche, die dich sonst stören würden, rücken in die Ferne. Das ist der Grund, warum du in Hypnose so tief bei dir sein kannst, ohne dass dich die Umgebung ständig herausreißt.
Warum das gerade für ein wachsames Nervensystem so wertvoll ist
Und hier kommt der Punkt, der mir am wichtigsten ist. Denn wenn du ein Nervensystem hast, das ohnehin selten zur Ruhe kommt, das ständig scannt, prüft und auf der Hut ist, dann ist genau dieser Zustand etwas ziemlich Besonderes.
Ein hochsensibles oder neurodivergentes, ein durch Stress oder alte Erfahrungen wachsames Nervensystem hat oft verlernt, wirklich loszulassen. Der innere Kritiker läuft auf Hochtouren, die Umgebung wird pausenlos abgesucht, und echtes Sich-fallen-lassen fühlt sich unmöglich oder sogar unsicher an. Genau das haben wir hier auf dem Blog schon oft beschrieben.
Hypnose ist ein Weg, diesem System einen sicheren, begleiteten Zustand anzubieten, in den es aus eigener Kraft oft nur schwer findet. Einen Zustand, in dem der Alarm heruntergefahren wird, der Kritiker schweigt und der Körper zum ersten Mal seit Langem spüren darf: Es ist gerade nichts zu tun, es ist sicher. Und das ist keine Kleinigkeit für ein System, das Sicherheit sonst so selten erlebt.
Warum Veränderung in diesem Zustand leichter möglich ist
Das erklärt auch, warum Hypnose so wirksam sein kann, wenn es um Veränderung geht.
Dein Gehirn unterscheidet nämlich weniger scharf zwischen etwas lebhaft Vorgestelltem und etwas real Erlebtem, als man denkt. Wenn du dir in Hypnose etwas intensiv vorstellst, werden im Gehirn ganz ähnliche Bahnen aktiviert, als würdest du es tatsächlich erleben. So lassen sich neue Muster gewissermaßen einüben und stärken, ohne dass du dafür durch die reale, oft anstrengende Situation gehen musst.
Und das Entscheidende dabei ist: Weil in diesem Zustand der Wächter leiser ist und das System sich sicher fühlt, wird eine Veränderung nicht sofort als Bedrohung abgewehrt, so wie es im wachen Alltag oft passiert. Sie kann leichter angenommen und integriert werden. Genau daran scheitert Veränderung im Alltag ja häufig. Du weißt im Kopf ganz genau, was du anders machen möchtest, aber sobald du es umsetzen willst, springt dein Nervensystem in den alten Schutzmodus. In Hypnose ist dieser Widerstand für einen Moment kleiner, und dein System bekommt die Chance, etwas Neues zu erfahren, ohne sofort dagegen anzukämpfen.
Also wirklich keine Magie, sondern ein Beweis dafür, wie klug und wie veränderbar dein Gehirn und dein Nervensystem wirklich sind. 🤍
Zum Weiterdenken
Hypnose ist also weder ein Zaubertrick noch ein Kontrollverlust, sondern ein natürlicher, messbarer Zustand, in dem dein Gehirn anders arbeitet als im wachen Alltag. Der innere Kritiker wird leiser, Kopf und Körper kommen in Kontakt, und dein Nervensystem darf für eine Weile in echte Sicherheit finden. Und genau in diesem Zustand kann Veränderung geschehen, ganz sanft, körperlich und ohne den ewigen Kampf gegen dich selbst.
Wenn du neugierig geworden bist, wie sich das anfühlt und wie Hypnose dich auf deinem Weg unterstützen kann, erfährst du hier mehr:
¹ Quelle: Zur Hirnforschung während der Hypnose, u.a. zu den beschriebenen Veränderungen im Ruhezustandsnetzwerk und in der Verbindung zwischen Steuerungs- und Körperwahrnehmungsarealen: Jiang, H., White, M. P., Greicius, M. D., Waelde, L. C. & Spiegel, D. (2017): Brain Activity and Functional Connectivity Associated with Hypnosis, erschienen in der Fachzeitschrift Cerebral Cortex. Nachzulesen unter: https://academic.oup.com/cercor/article/27/8/4083/3056452
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