Fast ein Jahr Arbeit mit dem Nervensystem - Was hat sich getan?
- Nina Payer

- 19. Dez. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Apr.
Vor einem Jahr war das Ende meiner Coachingausbildung schon in greifbarer Nähe. Ich hatte in den anderthalb Jahren so viel über mich gelernt und riesige Sprünge in meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung gemacht. Trotzdem war ich immer noch meist angespannt, super schnell gestresst und verfiel auch immer wieder in alte Muster, obwohl ich es im Kopf doch besser wusste. Ich wusste, dass ich unbedingt irgendetwas tun musste, um mein Nervensystem zu regulieren. Was ich genau damit meinte und wie das genau aussehen sollte, davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber keine Ahnung.
Mitte Januar 2021 stieß ich dann durch puren Zufall auf ein Webinar von Britta Kimpel, wo sie genau erklärte, was ein dysreguliertes Nervensystem ist, wie es sich zeigt und was man tun kann, um es wieder langfristig in die Regulation zu bekommen. Ich war total fasziniert! Konnte mich 100%ig in allem, was Britta erzählte, wiedererkennen und wusste: Wenn ich diese Ausbildung zum Nervensystem-Coach nicht mache, wird sich auch nichts verändern! Dann werde ich weiterhin immer wieder an einen Punkt kommen, wo es nicht weitergeht, obwohl ich im Kopf doch ganz genau weiß, was das Problem ist. Also entschied ich mich ganz kurzfristig für die Ausbildung — für mich selbst, aber auch, um die Tools eventuell auch an meine zukünftigen Klientinnen weitergeben zu können.
War die Ausbildung die richtige Entscheidung?
Nach dem ersten großen Ausbildungswochenende war ich dann erstmal frustriert! War es vielleicht doch keine gute Idee gewesen? Habe ich sehr viel Geld aus dem Fenster geworfen? Was sollte das denn bringen, dieses Spüren & Erlauben!? DAS soll der Trick sein?! Vielleicht ist das doch alles nichts für mich!
Heute denke ich, damals hat mein total dysreguliertes Nervensystem erstmal alle Schutzmaßnahmen hochgefahren und ist in den Widerstand gegangen. Ich bin ein sehr verkopfter Mensch und möchte alles verstehen und erklären können — hier ging es aber um etwas ganz anderes! Ich bin drangeblieben und Stück für Stück hat sich alles wie ein großes Puzzle zusammengefügt. Ab Mai habe ich mich wirklich sehr reingekniet in diese Ausbildung. Habe viel mit anderen Auszubildenden geübt und dadurch nicht nur mehr Erfahrung im Coachen bekommen, sondern wurde ganz nebenbei auch selber viel mit der Methode gecoacht. So konnte ich schon bald die ersten Veränderungen feststellen und habe spätestens im Sommer gemerkt, wie viel besser ich mich selber spüren konnte!
Das war aber erstmal gar nicht so angenehm! Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass ein reguliertes Nervensystem in erster Linie mehr Gelassenheit und Entspannung bedeuten würde. Dass mich — im besten Fall — mit einem seligen Lächeln auf den Lippen nichts mehr aus der Ruhe bringen würde! So Dalai Lama-mäßig!
Aber dass es so nicht läuft, habe ich schnell gelernt. Denn ein reguliertes Nervensystem bedeutet nicht, dass meine hochsensiblen Bedürfnisse plötzlich verschwinden und ich plötzlich "eine andere Person" bin. Im Gegenteil! Ich habe meine Bedürfnisse und Grenzen plötzlich sehr stark gefühlt — so stark, dass ich es gar nicht länger aushalten konnte und in Aktion treten musste! Etwas verändern musste, damit es sich für mich besser und stimmiger anfühlte!
Das hatte ich auch früher immer wieder mal gespürt — wenn auch nicht so stark —, aber sobald ich in die Handlung gekommen bin, um etwas zu verändern, konnte mein Nervensystem das nicht halten. Es fühlte sich nicht richtig an und ich fühlte mich letztendlich schlecht dabei. Und ließ es doch wieder bleiben.
Doch diesmal war es anders!
Ich musste handeln und es fühlte sich gut und richtig an! Und dadurch kam dann das Gefühl der Gelassenheit und Entspannung auf. Weil mein Nervensystem mittlerweile die Kapazität hatte, diese Veränderung auch zu halten.
Was hat sich sonst noch so verändert?
Es gab aber tatsächlich auch Veränderungen, die ich erstmal nur ganz subtil gespürt habe und oft fällt mir erst rückblickend wirklich auf, dass sich auch schon viele kleine Dinge im Alltag verändert haben.
✨ So kann ich zum Beispiel mittlerweile viel besser warten — in einer Warteschlange beim Bäcker, im Wartezimmer beim Arzt etc. Früher wurde ich da immer sehr schnell genervt und nervös, spürte eine ganz unangenehme Unruhe, die mich kaum stillsitzen oder -stehen ließ. Heute ist das ganz anders. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich richtig in mir ruhe in solchen Situationen und das Warten überhaupt nicht mehr als negativ empfinde, sondern als ganz neutral.
✨ Eine andere Sache, worauf mich neulich erst eine Coaching-Kollegin aufmerksam gemacht hat, ist, dass ich ruhige und traurige Musik plötzlich nicht nur aushalten, sondern sogar genießen kann. Früher hat mich solche Musik extrem heruntergezogen. Jetzt kann ich mich damit sogar entspannen.
✨ Wenn meine Kinder mir mittags erzählten, was sie in der Schule erlebt hatten und es zu Konflikten oder anderen unangenehmen Situationen gekommen war, habe ich früher immer extrem mitgelitten — eigentlich sogar mehr als meine Kinder, die nach dem Erzählen zufrieden davonzogen und mich total fix und fertig zurückließen. Das hat sich mittlerweile auch geändert. Meistens kann ich ganz ruhig mitzuhören, trösten und den Kindern den Rücken stärken, ohne dass mich meine eigenen Gefühle komplett überfluten. Ich fühle immer noch mit, aber ich leide nicht mehr mit.
✨ Das Gleiche gilt auch, wenn meine Kinder krank sind. Früher konnte ich das kaum aushalten, während ich heute einen kühlen Kopf bewahre und "ganz normal" mitfühlen kann, ohne mich dabei zu verlieren.
✨ Kennst du das Gedankenkarussell am Abend im Bett? Tausend Dinge, die einem durch den Kopf gehen. Man kaut alles zig mal durch, das was war und das was kommen wird und findet einfach kein Ende? Das muss nicht mal immer negativ besetzt sein. Auch zu viele Ideen und Pläne, die man stundenlang im Kopf vor sich hin schmiedet, können einen wach halten. Da komme ich mittlerweile sehr schnell raus, indem ich ins Spüren und Erlauben gehe — mich darauf konzentriere, welche Körperempfindungen die aktuellen Themen bei mir auslösen und ihnen nachspüre. Ruckzuck ist mein Nervensystem reguliert und ich schlafe ein!
✨ Ich kann auch viel besser Prioritäten setzen. Auf einmal ist nicht mehr alles total wichtig und muss sofort erledigt werden. Es darf auch mal was liegen bleiben. Das ist mittlerweile richtig gut auszuhalten.
✨ Ich kann mich auch immer mehr aus diesem "Das haben wir schon immer so gemacht"-Denken befreien. Ja, nur weil es sich so eingebürgert hat, heißt das nicht, dass es für immer so weiter laufen muss. Vielleicht passt es tatsächlich schon länger nicht mehr — und das ist vollkommen in Ordnung!
✨ Außerdem spüre ich, dass ich viele Dinge, die zu erledigen sind, mittlerweile viel gelassener angehe. Ich bin nicht mehr so aufgeregt, mache mir nicht mehr so viele Gedanken wie früher. Durch meinen Coaching-Business-Start musste ich mehr als einmal meine Komfortzone verlassen und vor einem Jahr wären manche Dinge noch gar nicht denkbar gewesen, die ich heute ohne viel Nachdenken angehe.
Also alles total super nach einem Jahr? Nein, das wäre gelogen.
Schwierig fallen mir immer noch Dinge, die ganz tiefsitzende Trigger und Glaubenssätze betreffen. Da muss ich dann wirklich immer noch aktiv rangehen und mit arbeiten. Das funktioniert noch nicht automatisch.
Aber selbst diese extremen Trigger, wo ich früher wirklich panisch geworden wäre, oder wo ich mich tage- oder sogar wochenlang exzessiv und obsessiv damit befasst hätte, lösen bei mir nicht mehr so krasse Reaktionen aus. Ich kann da mittlerweile schon viel besser bei mir bleiben.
Was Nervensystemarbeit wirklich bedeutet
Ich arbeite weiter an meiner Nervensystemregulation — und werde das wahrscheinlich immer tun. Nicht weil ich noch nicht "fertig" bin, sondern weil das Leben immer neue Situationen bringt, die das Nervensystem herausfordern. Der Unterschied ist: Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich kenne mein System. Ich weiß, was es braucht.
Das ist das Ziel der Nervensystemarbeit. Nicht Gelassenheit rund um die Uhr. Nicht das Verschwinden aller Empfindungen. Sondern: mehr Sicherheit in dir selbst. Mehr Handlungsspielraum. Das Gefühl, dass du dich halten kannst — auch wenn es schwierig wird.
Und das lässt sich lernen. Für jede. In ihrem eigenen Tempo.
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Liebe Nina,
vielen dank für deinen Einblick in dein Jahr 2022. Es ist spannend zu lesen, wieviel sich bei dir, dank NervensystemArbeit, zum positiven verändert hat. Ich selbst mache ja seit diesem Jahr die Ausbildung bei Britta und merke auch schon krasse Veränderunge.
viele liebe Grüße
jenny